Farbenmensch Kirchner

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Ich mag die Pinakothek der Moderne in München, nicht nur weil sie sich fußläufig in unmittelbarer Nachbarschaft befindet. Es ist allein die Höhe, die Aura unterhalb der Rotunde, die beeindruckt, sobald man sie betritt, was mich oft allein deshalb hierher verschlägt. Heute, am Mittwoch ist zudem der Eintritt frei, seit der Wiedereröffnung im September letztes Jahres sponsored eine Versicherung  diesen Tag. Ein guter Tag, um in eine Sonderausstellung hinabzutauchen – und so habe ich mir „Farbenmensch Kirchner“ angesehen, eine vorab gesagt; exzellente Ausstellung.

Der Brücke Künstler Ernst Ludwig Kirchner, geboren 1880 in Aschaffenburg als Sohn einer Kaufmannstochter und Ingenieurs, 1901-05 Architekturstudium in Dresden, 1903 ein Semester Kunst in München, 1905 Gründung der Künstergemeinschaft „Brücke“ mit Erich Heckel, Kar! Schmidt-Rottluff und Friiz Bleyl, 1911 Umzug nach Berlin, 1915 Einzug zum Kriegsdienst nach freiwilliger Meldung, ab Ende 1915 Sanatoriumsaufenthalt, 1918 Verlegung des Arbeits- und Lebensorts in die Umgebung von Davos, wo er sich 1938 auf offener Wiese mit zwei Pistolenkugeln das Leben nahm. Soweit die biographischen Eckdaten.

„Die Pinakothek der Moderne verfügt mit 19 Werken von Ernst Ludwig Kirchner (1880−1938) über den umfangreichsten deutschen Gemäldebestand des Expressionisten. Obwohl Kirchner als wegweisender »Brücke«-Künstler maßgeblich zur Revolution der Farbe um 1900 beitrug, wurde er bislang kaum als »Farbenmensch« gewürdigt. Die Ausstellung zeigt Kirchners systematischen und experimentellen Weg zur Farbe und seine Auseinandersetzung mit der zu Beginn des 20. Jahrhunderts kontrovers diskutierten Tradition der Farbenlehre.

Grundlage der Präsentation in der Pinakothek der Moderne ist ein Forschungsverbundprojekt, das vom Doerner Institut der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen in Kooperation mit der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart und dem Kirchner Museum Davos durchgeführt wurde. Seit 2009 wird die Malerei Kirchners erstmals systematisch maltechnisch untersucht.

Über Aspekte der Farbe hinaus ermöglicht die Ausstellung mithilfe von UV-, Infrarot- und Röntgenaufnahmen, Unterzeichnungen und Übermalungen sichtbar zu machen und umfassende Einblicke in den Arbeitsprozess des Künstlers zu geben. Die doppelseitige Präsentation ausgewählter Gemälde macht erstmals auch die Rückseiten der beidseitig bemalten Leinwände zugänglich. Eigenhändige Überarbeitungen geben Anlass, eine weitere ungewöhnliche Praxis Kirchners vorzustellen: Die Korrektur seines früheren Werks und die Anpassung an seinen aktuellen Stil.

Gemälde, Zeichnungen, Skizzenbücher, Druckgrafiken und Fotografien ergänzen die Ausstellung und zeugen von Kirchners künstlerischem Multitalent und seinem Interesse an der medienübergreifenden Gestaltung der Bildmotive. Die Ausstellung umfasst rund 90 Exponate, darunter bedeutende Leihgaben aus Museen wie der Kunsthalle Bremen, dem Kirchner Museum Davos, dem Städel Museum Frankfurt am Main, der Staatsgalerie Stuttgart, dem Nachlass Ernst Ludwig Kirchners in Wichtrach/Bern sowie hochrangigen deutschen und Schweizer Privatsammlungen.

Besonderes Augenmerk widmet die Ausstellung Kirchners kontinuierlicher Selbstreflexion und Stilkritik am eigenen Werk: Der Künstler überarbeitete frühere Kompositionen vielfach, um sie seinen aktuellen Stilidealen anzupassen. Außerdem verwarf er frühere Werke, indem er Leinwände umdrehte, bemalte und die Rückseiten zu Vorderseiten umwidmete.

Die doppelseitige Präsentation ausgewählter Gemälde macht erstmals auch diese ›Rückseiten‹ seiner Werke in der Pinakothek der Moderne zugänglich: So wird bei einigen Werken − wie etwa bei »Bildnis Dodo« oder »Cirkus« − die Vorder- und Rückseite gleichzeitig präsentiert, während andere Werke  − darunter »Das Zelt« und »Frauen beim Tee« − nach der Hälfte der Ausstellungslaufzeit umgedreht werden und damit ab dem 15.07.2014 die jeweils andere Seite der Leinwand sichtbar wird.“

Lebendig, abwechslungsreich, hängen-bleibend. Mit weiteren Worten möchte ich gar nicht schließen. Bis zum 15. Juli – ich freu mich.

2 Kommentare zu “Farbenmensch Kirchner

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