Mel Bochner: Wenn sich die Farbe ändert

Es ist eine Weile her, dass ich vom Haus der Kunst in München berichtete. Nicht dass es an Ausstellungen mangelte, nein. Sie berührten nicht, hinterließen kaum Spuren, kaum Fragen, trotz investierter Auseinandersetzung und Führungen. Schlichtweg: sie langweilten.

Auf zwei Werke der im Juni endenden Ausstellung des Konzeptkünstlers Mel Bochner <Wenn sich Farbe Ändert> möchte ich doch eingehen, da die hinterlassenen Eindrücke tiefer gehen,  als eingangs  behauptet. Manche Erkenntnis braucht für seine Entfaltung eben doch seine Zeit.

Doch vorab noch ein paar Worte zum Künstler: Mel Bochner (geb. 1940 in Pittsburgh, Pennsylvania) gilt als einer der Begründer der Konzeptkunst, die zu Beginn der 1960er-Jahre die Vorrangstellung der Malerei in der Kunst radikal aufbrach. Bochers Werke umfassen verschiedene Medien, von Skulptur und Zeichnung über Installation und Wandmalerei, bis hin zu Fotografie und Leinwandmalerei. Farbe spielt dabei eine große Rolle, so realisiert er ebenso seine Arbeiten durch die Verwendung von Text und Sprache. In den frühen Jahren beschäftigte er sich auch mit Mathematik. Sein besonderes Interesse galt arithmetischen Zahlenreihen und geometrischen Formen, mit denen er in Zeichnungen und Bodeninstallationen aus Steinen, farbigem Glas und Kreide experimentierte und so zufällige Muster schuf. In der aktuell im Haus der Kunst ausgestellten Bodeninstalation <Meditation on the Theorem of Pythagoras> (s.No 1) setzt sich Mel Bochner mit dem Satz des Pythagoras auseinander: In einem rechtwinkligen Dreieck mit den Katheten a und b sowie der Hypotenuse c ist die Summe der Kathetenquadrate a zum Quadrat und b zum Quadrat gleich dem Hypotenusenquadrat c zum Quadrat. Kurzum:

a^2 + b^2 = c^2Mit Kreide zeichnet er auf dem Boden ein rechtwinkliges Dreieck und ordnet auf jeder Seite mit Hilfe von bunten Glassteinen ein Quadrat aus 5 x 5, 4 x 4 und 3 x 3 Punkten an. Nach der Summe der Gleichung müsste die Anzahl der Steine 50 betragen, tatsächlich sind es aber nur 47, da sich die Eckpunkte überschneiden. Hier setzt Bochner ein visuelles Erlebnis entgegen, dass die Aufmerksamkeit des Betrachters von der Geometrie auf die Sinnlichkeit von Farbe lenkt.

Eine weitere Arbeit, die erst bei genauerer Betrachtung zum Vorschein kommt ist: <If The Color Changes> (s. No 2). Hier zitiert Bochner aus einer Abhandlung des Philosophen Ludwig Wittgensteins zum Thema Farbe in farbig großen Lettern: <Beobachten ist nicht das gleiche wie Betrachten oder Anblicken. Betrachte die Farbe und sag woran sie dich erinnert. Ändert sich die Farbe so betrachtest Du nicht mehr die, welche ich meinte. Man beobachtet um zu sehen, was man nicht sähe, wenn man nicht beobachtete.> Während sich Wittgenstein mit verschiedenen Sehprozessen in der Theorie beschäftigt, übersetzt Bochner dessen Text in ein malerisches Konzept. Er lässt die deutsche Originalpassage mit den englischen Worten:  <To observe is not the same thing as look at or to view. Look at this color and say what it reminds if of the color changes you’ are no longer looking at the one I ment one observes in order so see what one would not see if. One did not observe.> überlappen, um den Betrachter zur aktiven Beobachtung des komplexen Text- Bildes zu zwingen. Verwirrend -hypnotisierend – vielschichtig. Großartig.

Quellen: Bilder No 1+ 2 Haus der Kunst, Auszüge Publikation: Haus der Kunst und eigene geistige Ergüsse

0 Kommentare zu “Mel Bochner: Wenn sich die Farbe ändert

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.