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Atelierbesuch im Ruffinihaus bei Fotokünstler Malte Wandel

Ruffinihaus, Sendlinger Straße. Mit Architekten, Modedesignern oder Softwareentwicklern teilt sich Fotokünstler Malte Wandel zurzeit eine Adresse. Bevor das Prachthaus vollständig saniert wird, dürfen ausgewählte Künstler und Kreative die Räume des Hauses von Mitte Oktober 2017 bis Mitte Januar 2018 übergangsweise nutzen. 

Normalerweise kommen Menschen in die Straßen rund um das Ruffinihaus, die München von seiner anschaulichsten Seite am Marienplatz oder am Viktualienplatz kennenlernen wollen. Menschen, die ihre Taschen gerne mit neuen Sachen füllen möchten. Die Kunst von Malte Wandel ist jedoch alles andere als schnell und leicht zu konsumieren.

„Ich versuche mit meinen Arbeiten eine Blase zu durchbrechen“

Denn eines darf sie nicht sein, seine Kunst: oberflächlich. Er recherchiert wie ein Journalist, archiviert wie ein Historiker, geht den Sachen auf den Grund. Dabei bleibt er kein Schreibtischtäter, sondern geht ins Feld wie ein Ethnologe. Reist durch Länder, geht durch Städte, spricht mit Menschen und begleitet sie. „Ich versuche mit meinen Arbeiten eine Blase zu durchbrechen“, erklärt der Münchner.

Und wenn er bei einer Sache ist, bleibt er erstmal dabei. Beispielhaft steht dafür die Arbeit mit den ehemaligen DDR-Vertragsarbeitern aus Mosambik, deren Schicksal Malte Wandel seit über zehn Jahren beschäftigt: Über sieben Jahre lang lebten etwa 16.000 junge Mosambikaner als Vertragsarbeiter in der DDR. Zu DDR-Zeiten wurde bis zu 80 Prozent ihres Lohnes abgezogen und als vermeintliche Rentenzahlung nach Mosambik geschickt. Die Arbeiter sollten das Geld nach ihrer Rückkehr  erhalten – was aber bis heute nicht passiert ist. Mit der Wiedervereinigung verloren die Arbeiter ihre Aufenthaltsgenehmigung in der DDR, mussten zurück nach Mosambik. Die ehemaligen Vertragsarbeiter leben heute in Mosambik in großer Armut und konnten sich nicht reintegrieren.

Aus diesem Komplex sind beispielsweise Wandels Langzeit-Projekt „Einheit, Arbeit, Wachsamkeit“ oder das Folgeprojekt „Sarah, Miguel und Jamal“ entstanden, wo er die in Deutschland geborenen Kinder der mosambikanischen Vertragsarbeiter begleitet. Für diese Arbeit wurde er 2015 mit dem renommierten Dokumentarfotografie Förderpreis 11 der Wüstenrot-Stiftung ausgezeichnet, deren Arbeitsergebnisse vom 18. November 2017 bis zum 14. Januar 2018 im Museum Folkwang zu sehen sind.

Der Hintergrund muss eine Geschichte erzählen

Wahrscheinlich könnte Malte Wandel aus dem Stegreif eine Dissertation über das Schicksal der mosambikanischen DDR-Vertragsarbeiter schreiben. Macht er aber nicht. Denn sein Ausdrucksmittel sind eben nicht Stift und Papier. Sondern die Fotokamera. Genau genommen eine analoge Mittelformat-Kamera. Groß und schwer ist sie, spontanes Fotografieren kaum möglich. Malte Wandel mag das ruhige Arbeiten mit der Mittelformat-Kamera, mag das Bildformat, die Detailgenauigkeit. Bei der ästhetischen Komposition des Bildes achtet er besonders auf die Linien. Ihm ist außerdem wichtig, dass auch der Hintergrund eine Geschichte erzählt.

Natürlich beherrscht er auch die digitale Fotografie und Programme wie Photoshop. Er hat er auch eine digitale Kamera, mit der arbeitet er aber nicht, sondern „knipst ein bisschen in der Gegend rum.“

Gebeugt über dem Leuchttisch: Malte Wandel. Foto: Lara Hoffmann

Sein Fotografie-Studium führte Malte Wandel nach Dortmund und zum Abschluss seiner künstlerischen Ausbildung an die Kunsthochschule für Medien in Köln. Zielstrebig, aber nicht streberhaft ist er seinen Weg gegangen. Es scheint es so, als hätte er einen starken inneren Kompass, der ihn in seinem Weg als Künstler ziemlich genau dahin lenkt, wo er hin will.

Das Netz aus Familie und Freunden erleichtert sein Dasein als Künstler

Auch wenn Malte Wandel für seine Arbeiten durch den afrikanischen Kontinent, Italien („Hotel Italia“) oder Ostdeutschland reist, fest verankert ist er in München. Geboren 1982 in Heidelberg, kam dann als Kleinkind nach München und wuchs hier auf. Und in Berlin, na klar, da ist es toll und da ist er oft. Aber sein großes großes Netz aus Familie und Freunden hat er in München. Und das erleichtert ihm sein künstlerisches Schaffen enorm. Zum Beispiel gestaltet sich die Suche nach einem Atelier durch Kontakte viel einfacher. 

Die Idee zu seinem nächsten Projekt, wo es um das Thema Flüchtlinge gehen soll, ist ihm gekommen, als er buchstäblich aus dem Fenster seines temporären Ateliers im Ruffinihaus geguckt hat. Von dort blickt er auf den Rindermarkt und musste sich an die Geschehnisse im Sommer vor vier Jahren erinnern. Damals traten dort Flüchtlinge in den Hungerstreik. Die Polizei räumte das Camp. Kein einfaches Thema. Aber einfach ist ja auch nicht so das Ding von Malte Wandel.

Lara Hoffmann

Das Ruffinihaus ist für alle Besucher frei zugänglich. Führungen und interessante Veranstaltungen werden zum Beispiel auf dieser Facebook-Seite angekündigt.

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