Sunghee Seewald in ihrem Atelier

Genug von 0815-Schönheit

Übersättigt vom eindimensionalen Schönheitsbegriff der Beauty- und Fashionbranche gründete Photographin Sung-Hee Seewald das Photoprojekt „Female Diversity“. Damit stellt sie den gängigen Blick auf den weiblichen Körper in Frage. Ein Besuch im Atelier der Fotografin.

Gut möglich, dass Sung-Hee Seewalds offener und freundlicher Blick der erste Schritt ist, wie sie das Vertrauen ihrer Models gewinnt. Hellbraune, wellige Haare umrahmen Sunge-Hee Seewalds schmales Gesicht. Schwarze Tights, schwarzes Oberteil, schwarze, flache Schuhe, schlichte goldene Ohrstecker – chic, reduziert und zurückhaltend. Trifft sie auf fremde Menschen, muss sie zumeist erst einmal ihren ungewöhnlichen Vornamen erklären: „Sung-Hee“. Der kommt aus Korea, sie selbst und ihre Familie sind deutsch. Ihre Mutter verbindet aber eine besondere Liebe zu Korea.

In Sung-Hee Seewalds charmanten Atelier in Milbertshofen mit den großen Sprossenfenstern fühlt man sich gleich wohl. „Als allererstes im Studio habe ich mich der Einrichtung der Küchenzeile gewidmet“, gibt sie lachend zu. „Mir war es wichtig, dass die Menschen, die hier reinkommen, sich gut aufgehoben fühlen – mehr in einer Wohnung und weniger wie in einem Studio.“ Außerdem war es ihr wichtig, den Raum maximal gut ausnutzen zu können. Das erreicht sie, indem viele ihrer Möbel auf Rollen stehen und somit flexibel zu verstellen sind.

Beim Schminktisch.

„Ich will den Frauen zeigen, wie schön sie sind, auch wenn sie vom gängigen Schönheitsideal abweichen“

Lange trug Sung-Hee Seewald die Bilder für ihr „Female Diversity“-Projekt in sich. Schwarz-weiß sollten sie sein, die klaren Formen und Linien des nackten Körpers zeigen, ohne Make-Up. Die Vision: Ein realistisches und zugleich ästhetisches Bild vom weiblichen Körper zeigen. Der Photographin war klar: „Das wird ein Kunstprojekt, keine sichere Geldquelle.“ Im vergangenen Jahr war es dann soweit und sie startete ihr Projekt „Female Diversity“.

Denn eine Sache ist Sung-Hee Seewald ein Dorn im Auge: dass in den Mainstream-Medien nur eine bestimmte Art von Schönheit gezeigt wird.  Und die ist jugendlich, groß, dünn, makellos und ebenmäßig und hat zumeist weiße Hautfarbe. So werden Sehgewohnheiten geprägt, Ideale zementiert. Aber was, wenn man zu der großen Mehrheit der Bevölkerung gehört, die von diesem Bild abweicht? Wenn man einen Körper hat, der die Zeichen des Lebens zeigt: Falten, Narben, Schwangerschaftsstreifen? Schämen, verstecken? Ganz bestimmt nicht! 

Sung-Hee Seewald sprach Frauen in ihrem Umfeld an, Frauen, die sie auf der Straße traf, die sie auf Blogs sah und bat sie vor ihre Kamera, um Fotos von ihrem Körper zu machen. Frauen über 50, Frauen mit Falten, Frauen mit Speckröllchen und Besenreißern.

Erzählt mit Begeisterung von ihrem Projekt „Female Diversity“: Sung-Hee Seewald. Den nächsten Schritt für das Projekt sieht sie darin, die Bilder in einem Buch gesammelt zu präsentieren.

Sind die Modelle ihres aktuellen Projekts „Female Diversity“ zum Shooting bei Sung-Hee Seewald, redet sie viel mit ihnen, versucht ihnen Sicherheit zu geben. Ob bei Kaffee, Wasser oder manchmal einem Prosecco – beim Reden lernt die Fotografin ihre Protagonistinnen kennen und legt damit die Basis für ein intimes Shooting. 

Wichtig: Das Vertrauen der Models gewinnen

Fotos, die authentische Körperbilder zeigen gibt es schon, weiß Sung-Hee Seewald. Die empfand sie aber oft als entblößend, ohne ästhetische Herangehensweise fotografiert. Dass schon die ersten Arbeiten von „Female Diversity“ Anklang fanden, gab ihr Mut, weiterzumachen: Bei der photo17München stellte sie ihre Fotos aus und wurde für den GoSeeAward 2017 nominiert.

Umso spannender ist Sung-Hee Seewalds Anliegen, wenn man bedenkt, in welchem beruflichen Umfeld sie sich in den ersten zehn Jahren ihres Berufslebens als Fotografin in Frankfurt bewegt hat. Sie kommt aus der Fashion- und Beauty-Branche. Sie hatte sich dort einen Namen gemacht, arbeitete für renommierte Marken und Kampagnen.

„Ich will mehr als nur schöne Bilder machen“

Mit Ende Zwanzig kam sie an einen Punkt, wo sie eine Auszeit von ihrem bisherigen Leben brauchte, war in der Krise mit ihrem Beruf. „Ich wollte mehr als schöne Bilder machen. Ich wollte Geschichten mit meinen Bildern erzählen“, erklärt Sung-Hee Seewald. Auf der Suche nach einer neuen Richtung für ihr Leben packte sie  ihre Koffer und ging auf Weltreise. Reiste ein Jahr durch Australien, Neuseeland und Südostasien. Sie kehrte nach Deutschland zurück, wagte einen Standortwechsel und ging nach München zu ihrem damaligen Freund (und heutigen Mann), den sie wenige Wochen vor ihrem Aufbruch zur Reise kennengelernt hatte. In München positionierte sie sich neu als Portrait- und Nude-Fotografin und bekam einen Sohn.

Sung Hee Seewald hat auch schon den nächsten Schritt vor Augen: Sie will ihr „Female-Diversity“-Projekt in einem Buch zusammenfassen, um alle Frauen und Bilder gesammelt  zu haben. „Mir geht es darum, die vielen unterschiedlichen Arten von Schönheiten zu zeigen“, fasst die Fotografin zusammen und ergänzt, „damit will ich den Frauen bewusst machen, wie schön sie sind, auch wenn sie vom gängigen Schönheitsideal abweichen.“

Text und Fotos: Lara Hoffmann

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