ARTMUC ein Rückblick

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Vor gut einer Woche endete sie, die ARTMUC, eine Plattform für junge Kunst, auf der Praterinsel in München. Großartig allein schon die Räumlichkeiten und wie dafür erschaffen, kreative Präsentationen zu umrahmen. Immer wieder bin ich gerne an diesem Ort, ich mag den morbiden Charme, die alten Mauern, das Gelebte in Ihnen. Und wenn ich mir eine Wohnung aussuchen könnte, fern ab jeglicher Münchner Immobilienpreis-Indizes, dann ähnelte sie wohl den Räumlichkeiten hier, toppen könnte das dann nur noch die denkmalgeschützte Jugendstilvilla der Alexander Tutsek-Stiftung, die kürzlich mit schönen Kooperationsneuigkeiten in den Medien vertreten war.

Und wenn ich gerade inmitten all der <wenn’s> bin, dann umgeben von zeitgenössischer Kunst. Kunst zum nachdenken, zum vertiefen, zum lernen, sich reiben und zum spiegeln. Und Letzteres geschieht immer, sobald man sich wirklich hineinbegibt. Der britische Philosoph, Alain de Botton hat das vor gut zwei Jahren im Amsterdamer Rijksmuseum auf 150 Post-it-Zetteln neben den Kunstwerken versucht zu verdeutlichen. Und da die Thematik der Selbstspiegelung unerschöpflich ist, gibt es auf diesem wertgeschätzten Blog gleich eine ganze Palette davon.

Apropos spiegeln; gleich zu Beginn der ARTMUC, in Haus 3,  gab’s eine interaktive Videoinstallation „GIVE AND GET“ von Michael Acapulco. Hier bekam der Besucher die Möglichkeit, das loszuwerden, was ihm auf der Zunge lag, um im Gegenzug das zu bekommen, was man sonst möglicherweise nicht erhalten hätte.

Ein paar Stufen höher erfreute mich ein neues Werk dieser Künstlerin, die ich nach betreten des Raumes sofort akustisch wiedererkannte, noch vor der visuellen Wahrnehmung.  VIS-Á-VIS ein unaufgeregter, doch alles beinhaltender Titel. Gelungen, sehr gelungen liebe Anne Pfeifer.

Dahinter gleich an der Wand eine einprägsame, wie eindeutige Hommage an Mondrian, des Künstlers  BongChull Shin. Erkannt, getroffen. Wunderbar. Feine Glaskuben der Primärfarben Rot, Gelb und Blau, geomethrisch angeordnet  sowie die Nicht-Farben Schwarz und Weiß als Glasböden unter ihnen. Je nach Lichteinfall und Blickwinkel verstärkt sich das Zusammenspiel aller Protagonisten. Immer wieder aufs Neue beeindruckend.

I am here – eine Hommage an On Kawara

Eine weitere Hommage, die für mich den mit Abstand größten Gleichklang hier auf der ARTmuc traf, war die Hommage an On Kawara „I am here“ von Beate Susanne Wehr. Die Künstlerin ließ die geografischen Koordinaten der Praterinsel in München LÄNGE 48°08´N BREITE 11°35´N auf einen Stempel aufbringen und drückte allen Bereitwilligen, diesen Stempel auf eine frei gewählte Stelle der Haut.

Somit hatte der Besucher die Möglichkeit hier Teil einer Gruppe zu sein,  ein offizielles Indiz sozusagen, je nach Platzierung des Stempelabdruckes sichtbar für alle oder auch nicht. Herrlich patriotisch. Gestempelt, abgestempelt, amtlich. Physisch codiert auch ohne Smartphone. Alles temporär, denn der Aufdruck verschwindet wieder. Die im ersten Augenblick simple Aktion hält einem die ständige Veränderung vor Augen bis hin zur eigenen Vergänglichkeit. Was bleibt? Was sind wir in der Zeit? Wo sind wir in der Zeit?

Eine Erinnerung an diesen einen Augenblick, an diesem einen spezifischen Ort gibt es noch von der Künstlerin obendrauf – in Form eines Polaroids, die mittlerweile Impossible heißen. <Live for the moment>. Eingeklebt und nummeriert in einem kleinen anthrazietfarbenen quadatisches Kästchen, mit der Aufschrift der Koordinaten. Eine Erinnerung. Konserviert. Zum herauskramen oder zur Schau stellen. Herrlich unaufgeregt. Komplex. Rundum gelungen.

Ebenso gelungen sind die Werke des Künstlers Jiro Shimizu. Seine Fotografien scheinen wie aus einer Parallelwelt. Zebras, Giraffen, Eulen, Dampfmaschinen, Flugobjekte, Protagonisten aus einer anderen Zeit – Schräge Kulissen, inszeniert, surreal, überzeichnet und lebendig. Doch wer hier an zusammengestellte Fotowelten via Photoshop denkt, ist reichlich fehl am Platze. Bei Jiro Shimizu wird real inszeniert. Auf seiner Website lässt er sich über die Schulter blicken. Seine Fotografien ähneln ganzen Filmkulissen. Ausgestopfte Tiere, echte Requisiten und Modelle. Aufwendig, sehr aufwendig kuratiert. Entfernt erinnern sie an die arrangierten Fotografien eines David LaChapelle. Jedes für sich eine eigene Geschichte. So, als gäbe es eine <Pause-Taste>, die auf ein <weiter> wartet. Alles in Allem in sich abgeschlossen, rund. Perfekt. Chapeaux vor so viel Herzblut!

Aus filmreifen Fotografien bewege ich mich am Ende noch mal zum Digitalen. Überhaupt hätte ich deutlich mehr künstlerische Arbeiten mit digitalen Medien und digitaler Technik erwartet. Schade, denn das angekündigte neue Format ARTMUC Digital fiel mager aus. Sehr mager. Zu mager für meine Begriffe. Im Gedächtnis blieben mir drei, der Katalog zählte gerade ein paar mehr. Zum einen eine unterhaltsame Betty Mü, die, wie jedes Jahr, einen ganzen Raum mühelos und durchaus beeindruckend bespielte. Michael Acapulco als Entré und Johannes Karl, der mich mit seiner Neuinterpretation <Der Wanderer> vor zwei Jahren bereits bleibend beeindruckte.

In diesem Jahr zeigte Karl die Videoarbeit <Ghostrider in the sky>. Angelehnt an den Titel des Cowboysongs in dem Geisterreiter, die am Himmel auftauchen und dem Liedsänger sehr nahelegen, sein Leben doch ändern zu mögen – da er sonst ewig dazu verdammt sei, sich den Geisterreitern anzuschließen um die Herde des Teufels über dem endlosen Himmel zu jagen.

In der Videoarbeit <Ghostrider in the sky> (zu sehen unter Work auf seiner Website) kämpfen vier Reiter mit ihren Pferden in einem unendlichen Wettrennen, begegnen auf Ihrem Ritt kunsthistorischen Figuren. Im Himmel tauchen permanent Geisterreiter auf. Mal liegt der eine vorne – mal der andere. Gewinnen kann keiner. Unterlegt mit einem monotonen, nichtendenwollenden galoppierendem Ton. Fortwährende, unendliche Fragen, die bleiben: was ist Fortschritt und was ist Wettkampf? Wo stehen wir?

Belohnt hat die ARTMUC 2016. Belohnt mit neuen Denkanstößen, die mich überrascht und wieder gelehrt haben, warum es so wichtig ist, einen zweiten und dritten Blick zu wagen. Erkannt, dass der sogenannte Mere-Exposure Effect immer wieder funktioniert und über allem die große Chance,  Künstler persönlich anzutreffen. Zu verzeichnen jedenfalls ist eine starke Bewegung in der zeitgenössischer Kunst. Die Grenzen verwischen; fortwährend.

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1 Kommentar zu “ARTMUC ein Rückblick

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