Abguss Staatliche Antikensammlungen und Glyptothek München Copyright Bertolin

Was wäre ein Leben ohne Kultur? Mein #KultBlick als Kunstgängerin.

Abguss Staatliche Antikensammlungen und Glyptothek München Copyright Bertolin
Abguss Staatliche Antikensammlungen und Glyptothek München Copyright S. Bertolin

Das Archäologische Museum Hamburg hat mit Tanja Praske zur Blogparade #KultBlick aufgerufen. Am letzten Tag, so kurz vor Schluss, hat es mir doch noch in den Fingern gejuckt. Es floss einfach so heraus und ist letztendlich länger geworden, als ich urspünglich dachte ;) 

Ein Leben ohne Kultur? Was bliebe dann noch vom Humanismus übrig?

Ein Humanismus den ich salopp als wohlwollende, feingeistige, menschliche Weiterentwicklung definiere. Der Humanismus, als Sinnbild des „uomo universale“, der allseitig gebildete Mensch, der in der Erweiterung seiner Erkenntnisse seine Bestimmung als lernfähiges Wesen erfüllt. Die Kultur verstehe ich -ebenso salopp formuliert- als eine „Pflege von geistigen Gütern“. Ich weiß, ich lehne mich jetzt weit aus dem Fenster mit meinem gefährlichen 10 Prozent Wissen -um mal wieder mein BWL’er Herz heraushängen zu lassen.  Meine Gedankensprünge sind meist nur auf vorangehende Sätze nachvollziehbar und die überschwänglichen Interpunktionen, die ich nur allzu gerne setze, kommen additiv noch dazu. Viel zu viele Interpunktionen, fern ab jeglichen Regelwerks. Ach, ich kenne meine Schwäche und ich mag sie gar nicht abstellen. Es hat so etwas von künstlerischer Freiheit, zumindest für den einen Moment des Schreibens. Würde auf meinem Blog so viel Umsatz herumkommen, dass ich einen Lektor bezahlen könnte; ich würde es sofort tun. Ein sehr geschätzter Lektor wohnt sogar direkt neben mir, ein unmittelbarer Nachbar – Tür an Tür. Die Wege wären somit kurz, fern ab der neuen digitalen Möglichkeiten, ein vis-à-vis könnte real gelebt und sofort abgestimmt werden. Das gute Glas Wein inbegriffen –  natürlich! Ach, der Gedanke hört sich nach Bohème an. Doch leider weicht die Realität vom Wunschgedanken ab oder wer von Euch würde für meine Artikel nach einem Teaser für „weiter lesen“ Geld zahlen? Vielleicht ist das die Krux im Kulturbetrieb? Oder was ist der Grund, dass die Kultur finanziell so maßgeblich gefördert werden muss?

80 Prozent der befragten Personen finden die Kulturförderung gut und wichtig, aber nur 2 Prozent davon nutzen aktiv das Kulturgeschehen. Mit Verlaub: diese Statistik kenne ich nur aus dem Gedächtnis. Falls ich sie auftreibe, reiche ich sie nach. Versprochen. Dafür habe ich eine andere aktuelle Statistik parat, die unwesentlich besser ist.

Copyright: Statistika. Interesse der Bevölkerung in Deutschland an der Kunst und Kulturszene von 2013-2017 (Personen in Millionen)
Copyright: Statista. Interesse der Bevölkerung in Deutschland an der Kunst und Kulturszene von 2013-2017 (Personen in Millionen)

Ich bin auf dem Gebiet der Kunst unterwegs, gerne, leidenschaftlich gerne um genau zu sein und immer privat. Es ist mein Ausgleich zu meinem Beruf in der freien Wirtschaft. Deshalb beziehe ich die Kunst ab jetzt ausschließlich in meinen Kulturblick ein. Also; wie blicke ich auf die Kunst?

Kunst konfrontiert mich mit Fragen, die mir zuvor vielleicht nie in den Sinn gekommen wären.

Kunst weckt Emotionen. Manchmal überraschen sie mich selbst, das kann wunderschön und ebenso abschreckend, vielleicht sogar abstoßend sein. Kunst muss nicht immer gefallen, gerade, wenn ein Werk überhaupt nicht zusagt und ich weiterziehen möchte, lohnt sich eine aktive Auseinandersetzung. Das fällt mir oft schwer. Warum stoße ich eigentlich an diese Grenze? Das ist schon die erste Frage, nicht mehr. Großartig; nicht war?

Egal wie oft man ein Werk betrachtet, es ergeben sich immer wieder neue Ebenen.

Das kann auch Tage, Monate oder Jahre später sein. Und manchmal geschehen Entwicklungen, sei es persönlich oder gesellschaftlich und Kunstwerke haben schon eine Antwort darauf.

Ich erinnere mich noch gut an ein Werk des amerikanischen Künstlers Ellsworth Kelly, der Anfang der 1950er, als seine Zeitgenossen in den USA dem amerikanischen Expressionismus hinterher liefen, in Paris studierte und stark von der europäischen Kunst inspiriert wurde. Es ist ein abstraktes Bild. Das erste Mal gesehen habe ich das Werk im Haus der Kunst. Es war die erste Ausstellung unter dem Leiter Okwui Enwezor. Es zeigt die Seine in Paris mit all den Spiegelungen, die ein Fluss so mit sich bringt. Alles auf geometrische Formen in Schwarz und Weiß reduziert. Im Jahr 1951, mag das vielleicht neuartig gewesen sein, aber das gut 60 Jahre später Betrachter ihr Smartphone zücken, weil sie darauf einen QR-Code sehen, hätte er sicher auch nie gedacht.

Nicht so laut! … Psst leise! …Pass auf! …Nicht anfassen! Vorsicht!… Langsam!

Aus meiner Kindheit verbinde ich Museumsbesuche auch immer mit einem erhobenen Zeigefinger. Die wachen Augen des Aufsichtspersonals waren überall, sobald man keinen ehrwürdigen Blick vor verstaubten Vitrinen auflegte und sich seinem Entwicklungsalter (wahrscheinlich) entsprechend normal menschlich verhielt. Da ich Kinder habe, die noch in einem betreuungsintensiven Alter sind, erlebe ich derzeit eine Art Renaissance, wenn ich mich mit ihnen in Ausstellungen bewege. Nicht dass wir uns hier falsch verstehen:  ich schließe mich mit der Angst, sie könnten etwas in ihrem kindlichen Eifer zerstören, vollkommen mit ein.

Selbst ein Besuch in der Cadolzburg, von deren haptischen, olfaktorischen Ausstellungskonzept ich zutiefst angetan war, hat im Praxistest mit meinen Kindern versagt. Schade. Ich hatte so viele Hoffnungen. Es war eine Art reales Déjà-vu –  ein kleines Erlebnis, dass die Stimmung von jetzt auf gleich zerstörte, als ein Aufpasser wie aus dem nichts dieses „Psst! Nicht so laut“ zischte. Verbunden mit einem unverständnisvollen Kopfschütteln sowie einem abstrafenden Blick auf Kinder und uns Eltern. Kein Wort, warum das Lachen der Kinder gedrosselt werden sollte. Da war er wieder; der erhobene Zeigefinger. Die ehrliche Antwort darauf kam unmittelbar:  „Mama, wann gehen wir hier wieder raus?“

Eine negative Erfahrung wird in der Regel zwei- bis viermal öfter weitergegeben als eine positive Erfahrung.

Die Neurowissenschaft zeigt, dass wir uns schneller und tiefer an negative Ereignisse erinnern, als an Positive. Negativity bias heißt der Begriff.  Das hat evolutionäre Gründe, da es der Natur immer um das Überleben geht. Gerade im Umgang mit Publikumsverkehr, sollte sich jeder diesen Umstand vor Augen halten. Das gilt meines Erachtens für alle Bereiche, die mit Menschen zu tun haben.

Im Falle des ermahnenden Erlebnisses auf der Cadolzburg überwiegt die Nachsicht, da ich statistisch zu den 6,64 Millionen der Befragten gehöre, die sich besonders für Kunst und Kultur interessieren. Wir hatten dank der abrupt eintretenden Unlust des Nachwuchses das Glück, zufällig den 600 goldenen Nürnberger Madonnen von Ottmar Hörl auf dem Kornmarkt in Nürnberg in die Arme zu laufen. Denen war die Lautstärke egal. Sie ertrugen auch selig den kindlichen Entdeckungseifer.

Viele Eltern, die ich aus meinem unmittelbaren Umfeld kenne (auch wenn sie vorher kulturell aktiver waren), tun sich den familienunfreundlichen Kulturbetrieb erst gar nicht an. Ist die Aussage nicht erschreckend? Freilich, sehe ich vermehrt am Sonntag in den Pinakotheken in München junge Familien mit Kinderwagen herumlaufen, doch sobald die Kleinen laufen können, dünnt sich das Erscheinungsbild massiv aus. Die Vermittlungsangebote für Kinder fangen ja auch erst ab ca. 6 Jahren wieder an. Und in der Zwischenzeit? Schwebt die Zielgruppe dann im kulturleeren Raum? Bestimmt nicht. Bauernhof-Touren und Kasperletheater beispielsweise sollen bei Familien in der Phase sehr beliebt sein. Macht nichts – geht ja nur um eine neue heranwachsende Generation. Ein Zeitraum, in der man die Chance hätte, eine bestehende Zielgruppe zu binden, sie zu erweitern und aufzubauen, die sich auch noch im Erwachsenenalter für Kunst und Kultur interessiert.

Stattdessen wird mit Gewalt versucht eine junge Zielgruppe der 25-35 Jährigen in die Ausstellungshäuser zu bekommen. Es gibt gute Beispiele, wie die Lange Nacht der Münchner Museen oder kürzlich das Format „Togetthere-Xperience“ zum 15. jährigen Bestehen der Pinakothek der Moderne in München. Poetry Slam existierte neben Performances und anderen Vermittlungsangeboten.  Das Haus war kurzfristig sehr voll. Aber wäre es langfristig nicht einfacher, den Nachwuchs samt Eltern viel früher an die bildende Kunst zu führen?

Nürnberger Madonna stand bis zum 17. September 2017 auf dem Kornmarkt in Nürnberg vom Künstler Ottmar Hörl
„Nürnberger Madonna“ vom Künstler Ottmar Hörl stand bis zum 17. September 2017 auf dem Kornmarkt in Nürnberg

In einem Interview erklärte kürzlich der Konzeptkünstler Ottmar Hörl, dass er mit seiner Kunst im öffentlichen Raum gerade die 95% der Menschen erreichen möchte, die sich noch nie oder kaum mit bildender Kunst in Museen bzw. Galerien auseinander gesetzt haben. In der Praxis jedenfalls, hat er das bei meinen Kindern bewirkt. Hat er etwas richtig gemacht?

Eingrenzung statt Ausgrenzung ist doch ein schönes Schlusscredo, oder?

Wie würde es sich anfühlen, den Elfenbeinturm zu verlassen?  Den eigenen Raum zu verlassen, um den Blick zu weiten. Mal „Out of the Box“  zu denken? Ein Begriff aus der Informatik, den ich nur allzu gerne nutze, wenn ich feststecke. Eine Out-of-the-box-Lösung ist eine Lösung, die sämtliche Mittel, die zur Erfüllung einer bestimmten Aufgabe erforderlich sind, bereits inne hat. Ohne zusätzliche Anpassungen oder Konfigurationen. Die Begrifflichkeit bezieht sich auch auf die Denkweise. Zudem kann sie auch noch so wunderbar verbildlicht werden.

Die Konzentration auf die eigene Disziplin sowie eigene Expertise führt nur all zu oft in eine Art Betriebsblindheit. In eine Sackgasse, in der das ersehnte Publikum nur selten folgen kann und will.  Es ist schon so viel da.  Ein Lösungsansatz könnte das heranziehen anderer Disziplinen sein: Theater, Musik, Architektur, Literatur, Technik oder Kulinarik – um nur einen kleinen Ausschnitt zu erwähnen. Disziplinen, die es ohnehin schon gibt, die Rudolf Belling bereits 1919 in seiner Plastik „Dreiklang“ so treffend darstellte. Disziplinen, die sich gegenseitig unterstützen, die autark sind und einander in neue Sphären heben können. Ich weiß es ist schwer, die Komfortzone zu verlassen. Doch manchmal ergeben sich dann ganz neue Perspektiven.  Einen Versuch ist es jedenfalls wert.  Oder?

6 Kommentare zu “Was wäre ein Leben ohne Kultur? Mein #KultBlick als Kunstgängerin.

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