Lara_eckert_unterwegsinsachenkunstManchmal überschlagen sich Ereignisse, mit der Option hinterher zu hetzen oder sie vorbei ziehen zu lassen. Ich habe mich für Letzteres entschieden und ein wenig (zwangs)pausiert, um Energien frei werden zu lassen, den Raum mit Nichts zu füllen. Wie das geht? Weiß ich auch nicht. Vielleicht wie diese Umarmung von Lara Eckert, die mich gleich wohlig fasziniert eingenommen hat. Das Werk gabs heuer in München in der Jahresausstellung in der Akademie der bildenden Künste in der Klasse Kneffel zu sehen.

Überhaupt fand ich die diesjährige Jahresausstellung ein wenig nichts-sagend.

Entweder fehlte mir die Muße, tiefer in die präsentierten Werke einzusteigen oder den Kunstschaffenden. Das ist auch egal, denn das Ende bleibt das gleiche. Was nicht heißen soll, dass <Nichts> hängengeblieben ist; nein. Es gab sie vereinzelt und auch als großes Ganzes, wie die Klasse Doberauer -mal wieder – durch und durch komponiert bis ins Detail, großartig. Ece Gauer, Anne Pfeiffer, Steffen Kern, Namen, denen ich immer wieder gerne begegne, die mir sofort ins Auge springen.  Und doch vermisste ich das Vorgreifende, Visionäre, das Wachrüttelnde.

Stattdessen unruhige Themenfelder, schnelllebig, lieblos zusammengeschustert. Gefällig. Hauptsache irgendwas. „Was dem Ökonomen das Wachstum ist, ist dem Künstler die Kreativität die Neues schafft“  – ein schöner Vergleich, den der Philosoph Ralf Konersmann einmal gestellt hat. Dass das Wachstum seine Grenzen hat, legte 1972 ein vom Club of Rome herausgegebenes Buch dar, der den Fortschrittsglauben der westlichen Wohlstandsgesellschaften grundlegend erschütterte. Die darin dargelegten Sorgen um das Überleben der Menschheit auf dem Planeten Erde sind mittlerweile in der gesellschaftlichen Mitte angekommen. Dreizig Jahre später folgte ein update – Signal zum Kurswechsel. Auch in der Kunst wird die Thematik unlängst verarbeitet. So ordnete Olafur Eliasson Ende 2015 in seinem Projekt Ice Watch während der Zeit der UN-Klimakonferenz (COP 21) auf dem Pariser Place du Panthéon zwölf riesige Blöcke aus Grönlandeis in Form einer Uhr an. Die schmelzenden Eisblöcke – ein mahnendes Zeichen des Klimawandels. Ein ganzes Konvolut zu den Grenzen gabs kürzlich im Neuen Museum in Nürnberg zu sehen.

Und wie verhält es sich mit der Kreativität? Kreativität soll ja eher vom Zufall und der Beharrlichkeit abhängen, sozusagen eine experimentelle Basis, so eine nüchterne Bilanz von Psychologen. Einen interessanten Exkurs zur Theamtik von kreativen Rahmenbedingungen gibt es hier zu sehen. Das unlängst lieb gewonnen Buch dazu – aus meinem Bücherregal immer noch nicht wegzudenken und das mag was heißen, zwischen all den Kunstkatalogen. Vielleicht verhilft auch der Einsatz von Computersimulationen zu neuen Ideen. Übrignes;  einen Ansatz dazu gabs bei der diesjährigen Jahresausstellung der Akademie der bildenden Künste  in Münchenzu sehen. Der Besucher konnte mittels einer digitalen Brille, ein virtuelles Interieur in der leeren historischen Aula bestaunen.

Apropos Wachstum und Kreativität, die ziehen ja auch immer Unruhe mit sich her,  in diesem Interview, gibts einen ausfühlicheren Ansatz, warum Unruhe auch ein Passion sein kann.

Doch was wenn die Unruhe lähmt? Vielleicht die Ruhe vor dem Sturm? Bleibt zu hoffen.

 

 

floating_piers_unterwegsinsachenkunstfloating_piers_II_unterwegsinsachenkunstfloating_piers_III_unterwegsinsachenkunstEs war etwas Großes. Etwas ganz Großes. Und wie bei vielen großen Dingen, dauert es oft, bevor sich etwas bewegt.

Wäre es in New York  oder an der Küste Australiens, so wäre es absurd gewesen, doch es war der Iseosee den sich Christo für sein Landart Projekt Floating Piers ausgesucht hat. Der Iseosee in der Lombardei. Von München durchaus gut stemmbar, sodass die Frage ob ich reise, damit bereits positiv beantwortet war. Die Frage des Zeitpunkts zog sich. Denn anfänglich waren die Floating Piers aufgrund der Wetterlage temporär gesperrt, sechs Tage später der 24-Stunden-Modus zwischen 0.00 und 6.00 Uhr aufgehoben, der Andrang ohnehin viel zu hoch und die Übernachungsmöglichkeiten schlichtweg überteuert. Gute Vor-Ort-Reiseberichte kaum auffindbar. Über allem tickte die Uhr, unaufhaltsam, denn lediglich vom 18. Juni bis 3. Juli 2016 waren sie begehbar. Temporär. Vergänglich in all Ihrer beeindruckenden Schönheit.

Die Vergänglichkeit. Eine Thematik, die mich, wer meine Beiträge kennt, immer wieder aufs Neue beschäftigt. Sie ist ein Prozess, schwer greifbar. Vergänglichkeit ist in allem, umschließt und begleitet, fortwährend, unaufhaltsam. Mal länger. Mal kürzer -auf der zeitlichen Achse betrachtend- und  selten bewusst. Christo machte sie bewusst, für einen vorbestimmten Zeitraum, begrenzt. Für Sechzehn Tage.

Vierzehn Tage lang war der Reichstag 1995 in Berlin verhüllt, der mir selbst 21 Jahre später immer noch emotional im Gedächtnis anhaftet.  So tief und so detailliert, dass es gerade zu beängstigend ist. 21 Jahre, das ist eine lange Zeit, da ist viel Raum. Raum, in dem Christo zwei weitere  große Verhüllungsprojekte gemeinsam mit seiner Frau Jeanne-Claude realisieren konnte. Raum in dem er Abschied nehmen musste von ihr, das war 2009. Seither arbeitet er weiter. Weiter auch im Namen von Jeanne-Claude. Christo ist Jahrgang 1935 – die Lebenszeit begrenzt. Wahrscheinlich zählen die Floating Piers, zu den letzt realisierten Land-Art Projekten unter seiner Mitwirkung.

Beeindruckend sind sie, die Floating Piers – allein in den Zahlen und Fakten. Ursprünglich geplant für den Rio de la Plata in Südamerika, später für die Bucht von Tokio – ein Projekt, das zuerst nur auf dem Papier existierte und später auf dem Iseosee verwirklicht wurde. Die Stege verbanden die zwei Inseln Monte Isola und San Paolo mit dem Festland von Sulzano.

15 Millionen Euro sollen die Floating Piers gekostet haben – eigenfinanziert ausschließlich durch den Verkauf von Christos Zeichnungen, Entwürfen und Fotolizenzen rund um das Projekt.
220.000 aneinandergereihte Polyäthylen-Würfel, zusammengehalten mit
220.000 Verbindungspunkten, verankert mit dem Seeboden,
200 Stück an der Zahl. Je Stück:
5,5 Tonnen schwer, durch:
37.000 Meter Seil mit den schwimmenden Stegen verbunden. Mit:
2,7 Millionen Liter Wasser gefüllt, um die Endwürfel zu beschweren, damit sie quasi schräg ins Wasser gleiten – deutsche Ingenieurskunst. Umhüllt mit:
100.000 qm leuchtend organge-gelben Polyamidstoff, gefertig in Greven, in der Nähe von Münster. Unterfüttert mit:
70.000 qm  Filzgewebe.  Die Breite der Floating Piers betrug stolze:
16 Meter – trotz des Besucheransturms verliefen sich die Menschenmassen gut über eine Gesamtlänge von
3 km, hinzu kamen nochmal gute:
2,5 km Fußweg über dem Fest- sowie dem Inselland. Erwartet hatte man
500.000 Besucher –
1,3 Millionen wurden bis zum Ende gezählt.

Auf den Weg, machte ich mich mit dem Auto, ein paar Schokoladenkeksen, reichlich Wasser, einer Hand voll Informationen, zusammengepackt aus den Publikationen der Region und Vor-Ort Berichten von Freunden. Gegen 5.20 Uhr stand ich auf einem der offiziellen Parkplätze in Iseo, der beim Verlassen, bereits überfüllt war. Zwanzig Euro, anstatt der angegebenen fünfzehn auf der Website. Auch die Tankrechnung differierte von den angeprisenen 1,44 Euro je Liter auf abgerechnete 1,78 Euro je Liter. Die Italiener sind bekannt für ihre Abrechnungsmethoden, aber auch bekannt für ihre Kinderfreundlichkeit, was mir -ohne es vorab zu wissen- später sicher eineinhalb Stunden Wartezeit ersparte.  Und so lief ich mit etlichen anderen Menschen, an der überfüllten Shuttlebus Haltestelle vorbei.  Am Iseosee entlang, ca. drei Kilometer Richtung Pilzone, um dann von Ordnungshütern über ein kleines Bergplatteaux für ca. drei weitere Kilometer umgelenkt zu werden. Herrlich schön, inmitten der Morgenstimmung. Fast verschlafen, wären da nicht die anderen Menschen. Pilgerstimmung. Vorfreude auf etwas, das man schon von weitem sah, mehr noch, bereits dazugehörte und doch schwer fassbar schien. Irgendwann sah ich das Ortsschild von Sulzano, der erste vollgestopfte Shuttlebus fuhr behäbig vorbei und immer noch zog sich der Weg. Die Gehwege kaum vorhanden. Zäh und eng. Die Innere Stimmung hielt dagegen. Leicht und weiträumig. Und wie aus dem Nichts lief ich dann plötzlich auf orange-gelb stoffbelegten Straßen. Jetzt war der Zeitpunkt bekommen. Bald.

Direkt auf der gegenüberliegenden Straßenseite kam der Schwarm Kunstbegeisterter aus dem Shuttlebus an einer roten Ampel zum stehen. Geballte Energie prallte regelrecht von der stockenden Menge ab, überhaupt waren hier viele Energien, wenn ich die mal so beim Wort fassen kann, am fließen. Ich <floss> weiter, soweit möglich, denn die Menschenansammlungen wurden dichter, der eigene Raum enger. Mich fischte kurzer Hand eine Carabinieri, dank meiner Picolina, aus der Menge, an den Teilabsperrungen vorbei. Und so durchlief ich drei durchaus konfortable Abkürzungen, stand wenn, nur kurz.  Eine letzte Absperrung. Dann befand ich mich auf den Floating Piers, inmitten einer beindruckenden Berglandschaft auf dem Iseosee zwischen dem Festland Sulzano und den benachbarten Inseln. Ein Ort, den man sonst vielleicht mit einem Boot erfahren kann, sonst jedoch der Isolation unterliegt.

Überströmende Emotionen. Erlebte Energien, die zu schwer in Worte zu fassen sind. Zu schwer.  Bilder helfen auch nicht – sie schildern vielleicht das Gesehene. Beindrucken. Hier gibts weitere oder hier oder das noch, aus dem Weltraum festgehalten. Das wirklich Wiederfahrende enthalten sie vor. Selten habe ich ein Kunstwerk so extrem physisch erspürt, wie dieses. All umfassend vielleicht sogar das erste. Das kann ich noch nicht sagen, das muss sich setzen. Peux-a-peux. Da hilft nur Zeit. Viel Zeit.

Leicht wankend je nach Wellengang und Dichte der anderen Besucher. Benommen kommt dem vielleicht Nahe, tastete ich mich langsam vor, auf den Stegen, bewusst, achtsam. Äußerst achtsam, wie in Zeitlupe, um alles aufzusaugen. Lief über all die Stege, ganz brav auch streckenweise Barfuß, ganz wie es der Künstler es emfohlen hatte. Pausierte, staunte und trat in Dialog. In Dialog mit dem Kunstwerk und den anderen Besuchern. Und nach und nach trat etwas seltsames ein: die Normalität. Paradox, so sehr ich auch alles versuchte aufzusaugen. Es gelang mir nicht mehr, ich lief, als wären die Stege immer da, vielleicht rüttelten mich zwei, drei größere Wellen nochmal wach, vielleicht auch nochmal das schrille Pfeiffen der Rettungskräfte, das Besuchern galt, die sich zuweit an den abgesenkten Außenrand wagten. Ich wurde Müde. Müde vom Laufen, Müde von der schwülen Sommerhitze, Müde von der intensieven Farbbestahlung.  Kurz vor Schluss, kam nochmals ein letztes aufbäumen, nur noch wenige Meter, vielleicht doch nochmal zurück oder hinsetzen, wenigstens ein Foto und noch eins. Entschieden. Bewusst dem Ende entgegen.

Es hat sich gelohnt. Das bleibt. Bis zum letzten Augenblick.

 

 

 

lueckenfuelle__unterwegsinsachenkunstlueckenfuelle_unterwegsinsachenkunstDie Gentrifizierung ist so ein großes Wort und in München hat es schon ein sehr hässliches Gesicht; das ist nicht neu. Lange schon gibt es Artikel darüber, wie Straßenzüge peux-à-peux ein völlig anderes Gesicht bekommen, ganze Stadtviertel sich ändern – fortschreitend, unaufhaltsam. Und das meist nur, aufgrund eines investorengesteuerten Sanierungs-, Abriss- und Aufbaudrangs.

Gewiss, vereinzelt gibt es Beispiele, wie es anders gehen kann. Gute Beispiele. So im Jahre 2013, als diverse Künstler, Sportler und Schauspieler mit ihrer  <Gorilla-Aktion>, den Abriss des Hauses in der Müllerstraße 6 in München so verhindern konnten. Fakt ist aber, dass der Verlust des Altbaubestands durch Abriss in Deutschland heute höher ist,  als durch die Flächenbombardements im zweiten Weltkrieg.

Apropos Abriss. In meiner Nachbarschaft, der Maxvorstadt,  gibt es derzeit eine Vielzahl von Beispielen. Ein Großes, ist der Abriss des ehemalige Arri-Geländes. Lange Zeit standen die Häuser an der Hauptstraße einfach leer.

Wohnraum in München ist ein knappes Gut. Jede noch so kleine Möglichkeit aus dem Wenigen mehr zu machen, Städtebaulich scheinbar um jeden Preis willkommen. Innerstädtische Verdichtung ist nur eines jener nachhallenden Schlagworte.

Ein weiteres großes Beispiel ist der geplante Abriss des Gesundheitsamtes mit einhergehender Neubebauung des Areals Dachauerstraße 90 der grob feststeht, jedoch erst demnächst final entschieden wird.

Wenige Meter weiter gibt es ein Kleines. In der Schleißheimer Straße, Ecke Rottmannstraße stand lange Zeit ein schönes altes gelbes Eckhaus leer. Es wurde sogar temporär von Künstlern geisterhaft bespielt – eine Hommage an Ilse Aichingers Fenstertheater sollte es sein.

Dann kam der Abriss. Seither prangt ein Werbeplakat des geplanten Neubaus, aber es tat sich nichts in Sachen Bau.

Dafür tut die Zeit ihr Übriges.

Und so wuchs langsam das Gras zwischen den Steinen, der Bauzaun lag brach und nun gibt es etwas Neues: LÜCKENFÜLLE steht in großen Lettern an den Wänden der benachbarten Häuser. Schön gülden. Herrlich anzusehen.  Vier angehende Architekten realisieren hier in den nächsten Wochen ein temporäres Projekt, mit dem Ziel einen Raum der Kommunikation zu schaffen. Schön, sehr schön. Mehr davon. Ich bin gespannt.

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Vor gut einer Woche endete sie, die ARTMUC, eine Plattform für junge Kunst, auf der Praterinsel in München. Großartig allein schon die Räumlichkeiten und wie dafür erschaffen, kreative Präsentationen zu umrahmen. Immer wieder bin ich gerne an diesem Ort, ich mag den morbiden Charme, die alten Mauern, das Gelebte in Ihnen. Und wenn ich mir eine Wohnung aussuchen könnte, fern ab jeglicher Münchner Immobilienpreis-Indizes, dann ähnelte sie wohl den Räumlichkeiten hier, toppen könnte das dann nur noch die denkmalgeschützte Jugendstilvilla der Alexander Tutsek-Stiftung, die kürzlich mit schönen Kooperationsneuigkeiten in den Medien vertreten war.

Und wenn ich gerade inmitten all der <wenn’s> bin, dann umgeben von zeitgenössischer Kunst. Kunst zum nachdenken, zum vertiefen, zum lernen, sich reiben und zum spiegeln. Und Letzteres geschieht immer, sobald man sich wirklich hineinbegibt. Der britische Philosoph, Alain de Botton hat das vor gut zwei Jahren im Amsterdamer Rijksmuseum auf 150 Post-it-Zetteln neben den Kunstwerken versucht zu verdeutlichen. Und da die Thematik der Selbstspiegelung unerschöpflich ist, gibt es auf diesem wertgeschätzten Blog gleich eine ganze Palette davon.

Apropos spiegeln; gleich zu Beginn der ARTMUC, in Haus 3,  gab’s eine interaktive Videoinstallation „GIVE AND GET“ von Michael Acapulco. Hier bekam der Besucher die Möglichkeit, das loszuwerden, was ihm auf der Zunge lag, um im Gegenzug das zu bekommen, was man sonst möglicherweise nicht erhalten hätte.

Ein paar Stufen höher erfreute mich ein neues Werk dieser Künstlerin, die ich nach betreten des Raumes sofort akustisch wiedererkannte, noch vor der visuellen Wahrnehmung.  VIS-Á-VIS ein unaufgeregter, doch alles beinhaltender Titel. Gelungen, sehr gelungen liebe Anne Pfeifer.

Dahinter gleich an der Wand eine einprägsame, wie eindeutige Hommage an Mondrian, des Künstlers  BongChull Shin. Erkannt, getroffen. Wunderbar. Feine Glaskuben der Primärfarben Rot, Gelb und Blau, geomethrisch angeordnet  sowie die Nicht-Farben Schwarz und Weiß als Glasböden unter ihnen. Je nach Lichteinfall und Blickwinkel verstärkt sich das Zusammenspiel aller Protagonisten. Immer wieder aufs Neue beeindruckend.

Eine weitere Hommage, die für mich den mit Abstand größten Gleichklang hier auf der ARTmuc traf, war die Hommage an On Kawara „I am here“ von Beate Susanne Wehr. Die Künstlerin ließ die geografischen Koordinaten der Praterinsel in München LÄNGE 48°08´N BREITE 11°35´N auf einen Stempel aufbringen und drückte allen Bereitwilligen, diesen Stempel auf eine frei gewählte Stelle der Haut.

Somit hatte der Besucher die Möglichkeit hier Teil einer Gruppe zu sein,  ein offizielles Indiz sozusagen, je nach Platzierung des Stempelabdruckes sichtbar für alle oder auch nicht. Herrlich patriotisch. Gestempelt, abgestempelt, amtlich. Physisch codiert auch ohne Smartphone. Alles temporär, denn der Aufdruck verschwindet wieder. Die im ersten Augenblick simple Aktion hält einem die ständige Veränderung vor Augen bis hin zur eigenen Vergänglichkeit. Was bleibt? Was sind wir in der Zeit? Wo sind wir in der Zeit?

Eine Erinnerung an diesen einen Augenblick, an diesem einen spezifischen Ort gibt es noch von der Künstlerin obendrauf – in Form eines Polaroids, die mittlerweile Impossible heißen. <Live for the moment>. Eingeklebt und nummeriert in einem kleinen anthrazietfarbenen quadatisches Kästchen, mit der Aufschrift der Koordinaten. Eine Erinnerung. Konserviert. Zum herauskramen oder zur Schau stellen. Herrlich unaufgeregt. Komplex. Rundum gelungen.

Ebenso gelungen sind die Werke des Künstlers Jiro Shimizu. Seine Fotografien scheinen wie aus einer Parallelwelt. Zebras, Giraffen, Eulen, Dampfmaschinen, Flugobjekte, Protagonisten aus einer anderen Zeit – Schräge Kulissen, inszeniert, surreal, überzeichnet und lebendig. Doch wer hier an zusammengestellte Fotowelten via Photoshop denkt, ist reichlich fehl am Platze. Bei Jiro Shimizu wird real inszeniert. Auf seiner Website lässt er sich über die Schulter blicken. Seine Fotografien ähneln ganzen Filmkulissen. Ausgestopfte Tiere, echte Requisiten und Modelle. Aufwendig, sehr aufwendig kuratiert. Entfernt erinnern sie an die arrangierten Fotografien eines David LaChapelle. Jedes für sich eine eigene Geschichte. So, als gäbe es eine <Pause-Taste>, die auf ein <weiter> wartet. Alles in Allem in sich abgeschlossen, rund. Perfekt. Chapeaux vor so viel Herzblut!

Aus filmreifen Fotografien bewege ich mich am Ende noch mal zum Digitalen. Überhaupt hätte ich deutlich mehr künstlerische Arbeiten mit digitalen Medien und digitaler Technik erwartet. Schade, denn das angekündigte neue Format ARTMUC Digital fiel mager aus. Sehr mager. Zu mager für meine Begriffe. Im Gedächtnis blieben mir drei, der Katalog zählte gerade ein paar mehr. Zum einen eine unterhaltsame Betty Mü, die, wie jedes Jahr, einen ganzen Raum mühelos und durchaus beeindruckend bespielte. Michael Acapulco als Entré und Johannes Karl, der mich mit seiner Neuinterpretation <Der Wanderer> vor zwei Jahren bereits bleibend beeindruckte.

In diesem Jahr zeigte Karl die Videoarbeit <Ghostrider in the sky>. Angelehnt an den Titel des Cowboysongs in dem Geisterreiter, die am Himmel auftauchen und dem Liedsänger sehr nahelegen, sein Leben doch ändern zu mögen – da er sonst ewig dazu verdammt sei, sich den Geisterreitern anzuschließen um die Herde des Teufels über dem endlosen Himmel zu jagen.

In der Videoarbeit <Ghostrider in the sky> (zu sehen unter Work auf seiner Website) kämpfen vier Reiter mit ihren Pferden in einem unendlichen Wettrennen, begegnen auf Ihrem Ritt kunsthistorischen Figuren. Im Himmel tauchen permanent Geisterreiter auf. Mal liegt der eine vorne – mal der andere. Gewinnen kann keiner. Unterlegt mit einem monotonen, nichtendenwollenden galoppierendem Ton. Fortwährende, unendliche Fragen, die bleiben: was ist Fortschritt und was ist Wettkampf? Wo stehen wir?

Belohnt hat die ARTMUC 2016. Belohnt mit neuen Denkanstößen, die mich überrascht und wieder gelehrt haben, warum es so wichtig ist, einen zweiten und dritten Blick zu wagen. Erkannt, dass der sogenannte Mere-Exposure Effect immer wieder funktioniert und über allem die große Chance,  Künstler persönlich anzutreffen. Zu verzeichnen jedenfalls ist eine starke Bewegung in der zeitgenössischer Kunst. Die Grenzen verwischen; fortwährend.

lostplaces_unterwegsinsachenkunstDie Münchner Galerien sind es, die es mir in letzer Zeit angetan haben. Und diese hier mag ich besonders gerne, nicht nur weil sie in meiner unmittelbaren Nachbarschaft ist, nein, das sind viele in der Maxvorstadt in München. Ich mag den Ort der Präsentationen – ganz klassisch, unprätentiös und schlicht. Es ist das gewisse Maß an Zurückhaltung, das es benötigt, um den fotografischen Werken der Gegenwart den nötigen Raum zu geben. Der gewisse Zauber und Tiefgang in der Auswahl des Repertoires. Manche treffen mich tief, sehr tief, wie dieses hier und manche weniger. Ganz normal und subjektiv. Über allem jedenfalls die unermüdliche Hingabe und Arbeit der Protagonisten, die es verstehen Herz und Verstand zu berühren – das schätze ich sehr.

Und genau diese Galerie päsentiert derzeit eine großartige Ausstellung: <Lost Places>. Es ist wieder eine der Werksschauen, die nachhallen, zum nachdenken anregen, bewegen. Peter Unter­mai­er­ho­fer heißt der Künstler, den ich bisher nur durch diese Publikation in meinem Bücherregal und diese Fotostrecke verlassener Kirchen kenne.

<Lost Places>; der Titel verrät, was den Besucher erwartet – verlassene, ausgestorbene Plätze.

Peter Untermaierhofer (Jhg. 1983) dokumentiert solche verlassene Orte. Es sind alte Kirchen, Theater, Ballsäle, Turnhallen, Operationssäle – einst urbaner Treffpunkt – nun menschenleer. Der Verfall wohnt hier inne. Eine beinahe gespenstige Stille umgibt diese Orte. Festgehalten für den Moment. Oder vielleicht der Blick auf ein Postapokalyptisches Szenario der künstliche Intelligenz, vor dem uns Forscher warnen?

Wer meine Beiträge kennt, weiss, es ist genau mein altbewährtes Thema der Vergänglichkeit, das Morbide, das nicht greifen könnende, das mich festhält, aber auch ein Aktuelles: der Wandel, fortwährend, unaufhaltsam. Die innwändige Schönheit, der Augenblick, das Festhalten und Loslassen zugleich.

Beeindruckend – Bild für Bild. Neuzehn Fotoarbeiten von Peter Untermaierhofer werden präsentiert, die in den letz­ten Jah­ren in Deutsch­land, Öster­reich, Bel­gien, Frank­reich und Ita­lien ent­stan­den sind.

Begeistert bin ich, ach was; entflammt. Chapeau Dr. Seufert, ich werde Sie bald wieder besuchen, in aller Ruhe, fern ab des Vernissagentrubels.

 

 

 

 

<Lost Places> ist noch bis 14. Juni 2016 in der Gale­rie für Foto­gra­fie der Gegen­wart, Schleiß­hei­mer Straße 44
in München zu sehen

 

 

 

Soviel: „Der Lauf der Dinge“. Immer wieder. Kettenreaktionen. Der Publikumsmagnet der documenta 8, 1987 soll er gewesen sein, der Kunstfilm von Fischli & Weiss. Das erste mal habe ich ihn vollständig -noch zu Lebzeiten von David Weiss- in dieser Ausstellung gesehen. Er hat sich eingebrannt. Jedes Ende eines Ereignisses – der Beginn eines Neuen. Medidativ, spannend, überraschend und doch vorhersehbar. Er ist viel. Sehr viel. Habt einen guten Start in die neue Woche.

nm_wetransform_unterwegsinsachenkunst.denm_wetransform__unterwegsinsachenkunst.de

Höher, schneller, weiter. Es ist ein brisantes Thema – nah, sehr nah und scheinbar doch so weit weg. Der klimatische Wandel, die Endlichkeit der Ressourcen und die Folgen der Globalisierung.

Unter dem Titel „Die Grenzen des Wachstums“ schaffte es 1972 ein vom Club of Rome herausgegebenes Buch, den Fortschrittsglauben der westlichen Wohlstandsgesellschaften zu erschüttern. Die darin dargelegten Sorgen um das Überleben der Menschheit auf dem Planeten Erde sind mittlerweile in der gesellschaftlichen Mitte angekommen. 30 Jahre später folgte ein update – Signal zum Kurswechsel.

Doch egal wie die Prognosen sich bewahrheiten werden –  es geht ein Wandel vor sich, wie beispielsweise diese fortlaufende Dokumentation eines beeindruckenden Zero-Waste-Selbstversuchs, das es auch anders geht. Verpackungsfreie Läden, wie dieser hier in München oder diese internationale Recycling Aktion einer rennomierten Bekleidungskette oder einfach nur das Ende der Plastiktüte? Beispiele gibt es viele.

Auch in der Kunst ist die Thematik unlängst angekommen. So ordnete Olafur Eliassons  Ende 2015 in seinem Projekt Ice Watch während der Zeit der UN-Klimakonferenz (COP 21) auf dem Pariser Place du Panthéon zwölf riesige Blöcke aus Grönlandeis in Form einer Uhr an. Die schmelzenden Eisblöcke – ein mahnendes Zeichen des Klimawandels. Oder jüngst das Außenkunstwerk „CLOUDS“ des Künstlers Philipp Messner vor der alten Pinakothek in München.

Nun widmet sich das nm in Nürnberg in einer tief beeindruckenden Ausstellung „WEtransFORM Kunst und Design zu den Grenzen des Wachstums“ diesen Themen und nähert sich in einer ganz eigenen Formsprache dieser komplexen Thematik. Über 30 international renommierte Positionen aus Kunst und Design sind hier versammelt. In sieben ineinandergreifenden Ausstellungsbereichen, treten zeitgenössische Werke in Dialog mit historischen Wegbereitern und treffen ebenso auf neue zukunftsweisende Perspektiven.

So wie die Installation vom Institute of Design Research Vienna (IDRV), die den ökologischen Fußabdruck eines Kunststoffstuhls mit Metallfüßen durch eine Menge von Wassereimern, Ölkanistern, Kohle und anderen Rohstoffen zeigt oder der „Tomatenfisch“ des Leibniz-Institutes für Gewässerökologie und Binnenfischerei aus Berlin (IGB), die ein hochtechnisiertes Kreislaufwirtschaftsprinzip, das eine optimierte Produktionen von Fischen und Gemüsen, die besonders ressourcenschonend ist, zeigen. Denn das mit Stoffwechselprodukten der Tiere versetzte Fischwasser, wird hier für die Pflanzenbewässerung genutzt. Somit reduzieren sich sowohl der Abwasseranteil aus der Fischprokution als auch die Menge Mineraldünger, die für die Planzen erforderlich ist. Die Fische werden quasi mit den Tomaten gefüttert.

Beeindruckend auch das Label „Livin Farms“ der Designerinnen Katharina Unger und Julia Kaisinger. Die „Livin Hive„, eine Farm für Mehlwürmer passt in jede Küche und ist eine äußerst innovative Alternative zu herkömmlichen Produktionsmethoden für tierisches Eiweiß (Rind, Schwein, Geflügel, Fisch etc. ). Sie besteht aus mehreren Schubladen in dem die Würmer mit Obstabfällen gefüttert werden, ihre verschiedenen Entwicklungsstadien durchleben, um am Ende ihres Reifungsprozesses dann durch Kühlung getötet werden.

Entspannend anzusehen auch „The Idea of a Tree“ des Wiener Designer-Duos mischer’traxler. Eine Entgegnung zur 24/7-Taktung unserer globalen Industrieproduktion. Hier werden die Wachstumsqualitäten von Bäumen auf eine solarbetriebene Maschine übertragen, die pro Tag ein einziges Möbelstück herstellt. Das Resultat ist dabei abhänging vom Standort und der Sonneneinstrahlung am Produktionstag: Wenig Sonne führt unwiderruflich zu einem geringeren Materialverbrauch und einem dunkleren Farbton und mehr Sonne zu einem helleren und höherem Verbrauch.

Etwas Skulpturaler und zeitgleich nützlich in der Ausstellung selbst, die „Wurstbänke“ des deutschen Künstlers Michael Beutler. Optisch angelehnt an die Idee der „Bauhaus-Klassiker“. Die  Sitzmöbel aus Recyclingstoffen, ziehen sich durch den ganzen Ausstellungsraum und schaffen zeitgleich Sitzfläche für die Besucher. Sozusagen „Kunst zum anfassen“ und mitmachen.

Die Ausstellung zeigt ein Sammelsurium aus alledem und noch weitaus mehr. Eine Führung, jeweils Samstags 15 Uhr und Sonntag 11 Uhr lohnt sich. Etwas unaufgeräumt kommt sie daher – Insellösungen; abgegrenzt und doch irgendwie verbunden. Der Stand der Auseinandersetzung mit der Thematik sieht genau so aus – unausgegoren, ein Forschungsfeld – breitgefächert. Es passt trotzdem. Alles.

Alles unter einen Hut zu bringen. Chapeau.

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Neues Museum Staatliches Museum für Kunst und Design in Nürnberg
WE TRANSFORM
KUNST UND DESIGN ZU DEN GRENZEN DES WACHSTUMS

vom 18. März bis 19. Juni 2016

Kuratoren:

Dr. Eva Kraus, Direktorin Neues Museum

Dr. Martina Fineder, Design- und Kulturwissenschaftlerin, Wien

Oliver_Boberg_unterwergsinsachenkunstOliver_Boberg_II_unterwergsinsachenkunst

Fotografien. Detailaufnahmen, Ausschnitte aus urbanen Raum. Menschenleer – völlig unprätentios und voller Ästhetik. Poetisch. Tief. Platziert in wahrlich schönen Räumlichkeiten, eine Mixtur aus Alt und Neu, so mag ich es – gelungen kuratiert. Der Künstler; Oliver Boberg.

Die Fotos allesamt; reine Fiktion, konstruiert – Detailgenau.

Ein zweiter Blick in die Tiefe lässt erahnen, dass der Asphalt gar kein realer Asphalt ist, der Baum vielleicht doch nur ein Zweig und die Wiese mit dem prächtig grünen Gras gar keines ist, sondern schlichtweg Moos. In den Proportionen verschoben. Modelle; tischgross – konstruierte Orte. Der Nürnberger Künstler lässt sie abfotografieren. Was ist Wirklichkeit? Was Fiktion?

Ein zweiter Blick, der sich lohnt, um den Ersten zu überdenken.

Nach langer Zeit wieder einmal eine großartige Entdeckung.

 

 

Zu sehen bis 8. Mai im Kunsthaus in Nürnberg.

frohe_oster_trockel_unterwegsinsachenkunstOstergrüße sind immer eine Freude, jegliche Ostergrüße. Unbescholten; ich bin ein Befürworter des Digitalen, doch es geht nichts über haptische Osterpost im Briefkasten, da bin ich Oldschool.

Im letzten Jahr gabs diesen hier, den ich wahnsinnig gerne mag, da er urprünglich so schön vergänglich ist, gäbe es nicht die Restauratoren, die mit großem Eifer genau dem Entgegen wirken und somit auch genau unser Zeit entsprechen. Alles ein doch so schöner Schein.

Und dieses Jahr – ein Vorhang aus Eiern. Rosemarie Trockel, eine Große unter den Künstlerinnen, von den es immer noch viel zu wenig so weit oben gibt. Ihre Kunst arbeitet sich am ewigen Rollenbild ab – weibliche Perspektiven,  gefüllt von gesellschaftlich und kulturell geprägten Symbolen und Kodierungen. Großartig, immer wieder.

Doch was sagt die Symbolik vergangener Kunst-Epochen zum Ei? Das Terrain der alten Meister betrete ich nicht oft, doch es wichtig, um die Modernen zu verstehen. Uns so habe mal wieder im Lexikon nachgeschlagen:

<Als Keimzelle neuen Lebens ist das Ei ein allgemein verbreitetes Fruchtbarkeitssymbol. Es gilt aber auch als Sinnbild für Reinheit und Vollkommenheit. In Indien ist es auch ein Sinnbild des Weltganzen (Weltei). Die antiken Dioskuren, die mythischen Helden Kastor und Polydeukes/ Pollux sind zumindest in einer der widersprüchlichen Überlieferungsformen aus einem Ei hervorgegangen, nachdem sich der Göttervater in Gestalt eines Schwans mit seiner Geliebten Leda vereinigt hatte (Lukian). Da die Schale, die vom Küken durchbrochen wird, im mittelalterlichen Denken mit dem Grab verglichen wurde, aus dem Christus auferstand, konnte das Ei als Sinnbild neuen Lebens auch zum Auferstehungssymbol werden. So ging das alten Frühlingsbräuchen zugehöriges Ei als Osterei auch in die christliche Symbolik ein>

Dieses Magazin hat zehn Eier der Kunstgeschichte gesammelt – interessant. Und welche (Oster)Ei oder Skulpturen in der Kunst fallen Euch so ein? Schreibt mir, würd‘ mich freuen.

Habt noch eine feine restliche Osterzeit.

Clouds_unterwegsinsachenkunstSo schön kalt war es Mitte/ Ende Januar hier in München, perfekte Temperaturen für das Außenkunstwerk „CLOUDS“ des Künstlers Philipp Messner. Vielversprechend angekündigt und witterungsabhängig umsetzbar. Ein Schneefeld auf der Südwiese vor der alten Pinakothek – nicht Weiß; sondern Rot, Grün, Blau. Davon erfahren, habe ich allerdings erst durch den Hinweis der Inhaberin meines Stammkinderladens in der Nachbarschaft. Ach Urbanität ist herrlich – sie lebt. Ein Teil davon zu sein, dafür bin ich überaus dankbar.

Dankbar auch über den Schnee. Und wie schön er anzusehen war, der bunte Schnee – erst unberührt, dann kamen nach und nach die Laufspuren der Besucher, Schneeskulpturen entstanden, die Farbschichten durchmischten sich recht schnell, dann kam echter Schnee hinzu, um gegen Ende der kalten Tage nur noch eine plattgetretene,  zerklüftete, kristalline Eisdecke zu sein. Die Plusgrade erledigten dann ihr Übriges.

Drei Schneekanonen verwandelten dank beigemengter Lebensmittelfarbe im Wasserzulauf den Kunstschnee zur bunten Schneekunst.

Die Botschaft dahinter ist so einfach, wie komplex. Temporär, vergänglich, natürlich, unnatürlich und stetig im Wandel – ich bin dieser Kunst verfallen.

Unverblümt hält uns die malerisch bunte Schneelandschaft den Spiegel vor’s Gesicht – die Vorstellung von Künstlichkeit und Realität wird offensichtlich. Mit eigenen Augen ist plötzlich der künstlich erzeugte Schnee vom Echten zu unterscheiden. Die Sichtbarmachung ist zugleich Kommentar und Dekonstrukton dessen, was uns  – besonders in alpinen Skiregionen- als natürliche Umwelt in Weiß untergejubelt wird.

Der schleichende klimatische Wandel ist so schwer sichtbar. Das Festhalten am altbewährten so einfach. Genau wie das Wegsehen, ich schließe mich da keineswegs aus. Lediglich tragische Skiunfälle – wie der kürzlich der auf dem Feldberg, an dem zwei Männer tötlich verletzt wurden, als sie gegen einen Beschneiungsmast stießen- erinnern plötzlich im realen Leben wieder an die unnatürliche Unterstützung der Schneelandschaft.

Die Thematik der „Faszination der Alpen zwischen Touristenliebling und Klimaopfer“ ist nicht neu; sie immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, jedoch unendlich wichtig.  So erinnere ich mich noch gut an die Ausstellung „Alpen unter Druck“  im Alpinen Museum in München, die bereits vor über zehn Jahren dokumentarisch die Zerstörung durch den alpinen Tourismus schonungslos zeigte.

Derzeit und bis zum 23. April zeigt die ERES-Stiftung die Ausstellung „SNOW FUTURE. Die Alpen – Perspektiven einer Sehnsuchtslandschaft in Kunst und Wissenschaft“ mit Arbeiten von Hansjoerg Dobliar, Philipp Messner und Walter Niedermayr. Noch nicht gesehen, doch vielversprechend und temporär, wie die Komlexität der „CLOUDS“.