Zwanzigsiebzehn, ein neues Jahr – ganze zehn Tage alt. Mit all seinem Plänen, Hoffnungen, Ängsten, Lektionen und Vergänglichkeiten. <Allem Zauber wohnt ein Abschied inne> steht als Überschrift im Artikel, oben auf dem Bild, der einige Umzüge überstanden hat und mit dem ich viel verbinde. Eine gute Freundin hat ihn mir zu einer Zeit geschickt, in der rückblickend sich vieles verabschiedet hatte und in der doch so viel Gleichklang an anderer Stelle herrschte. Und vielleicht, hätte ich ohne diesen Gleichglang, nicht so schnell wieder zurück gefunden. Das ist weit über zehn Jahre her. Rückgeblickt habe ich bereits. Und die Zehn, ist so eine schöne, runde Zahl. Ein guter Zeitpunkt, für die ersten digitalen Notizen in zwanzigsiebzehn.

Dieses Jahr hat es in sich, in punkto Kunst. Wie antwortet die Kunst auf die aktuellen politischen Ereignisse? Wievel Raum wird sie einnehmen? Und vor allem, was sind die eigenen Visionen, fern ab des politischen Duktus‘? Fragen, die stehenbleiben. Vorerst.

  • Alle fünf Jahre, die dOCUMENTA – dieses Jahr die vierzehnte, erstmalig in Athen vom 8. April bis 16. Juli und wie gewohnt in Kassel vom 10. Juni bis 17. September.
  • Und dann die Biennale in Venedig vom 13. Mai bis zum 26. November.
  • Und auch -sofern sie stattfindet- die Istanbul-Biennale, kuratiert vom Kunstlerduo Elmgreen & Dragset vom 16. September bis 12. November.
  • Soweit zu den großen Kunstschauen in Europa, die es neben den Kunstmessen in Karlsruhe, Brüssel, KölnBasel oder in London 2017 zu bestauen gilt.

Beim Stichwort London hüpfe ich gleich zu meinen Ausstellungshighlights – da lockt:

  • Wolfgang Tillmans ab Februar,  in die Tate Modern, dessen fotografische Wahrheiten mich immer wieder auf besondere Weise wachrütteln.
  • Ein weiteres Highlight, um bei der Fotografie zu bleiben, folgt in München, im April, in der Kunsthalle – Peter Lindbergh – durchaus gefälliger, doch sicher einen Besuch wert.
  • Ein Leiseres in Punkto Modefotografie gibts noch bis April in der Kunsthalle Rostock zu sehenSibylle, die <Zeitschrift für Mode und Kultur> in der DDR, brachte großartige Aufnahmen hervor, einige der Fotografen vereinigten sich 1990 in der Agentur Ostkreuz.

Apropos Agentur Ostkreuz;

  • an dieser Stelle lege ich gerne nochmals diese Ausstellung ans Herz. Übrigens gibt es am kommenden Sonntag, um 13.00 und 15.00 Uhr eine persönliche Führung der Fotografen Annette Hauschild & Jörg Brüggemann und Linn Schröder & Jordis Schlösser hier in München.
  • Ebenfalls am kommenden Sonntag endet eine Ausstellung im Münchner Stadtmuseum, <Shoot! Shoot! Shoot> – die einen wunderbaren, teils privaten Blick hinter die Kulissen der Künstler in den der 60er und 70er Jahren eröffnet.
  • Viel Zeit sollte man sich für die Ausstellung Postwar im Haus der Kunst in München nehmen – allein der Ausstellungskatalog von satten 848 Seiten, lässt erahnen, was man da vor sich hat. 20 Jahre Nachkriegskunst zwischen Atlantik und Pazifik in acht Kapiteln werden detailgenau untersucht – dafür ist Okwui Envezor bekannt. Herausragende Namen und Werke sind vertreten, unter ihnen auch, Thomas Bayrle, dessen Werke parallel in einer Einzelausstellung im Kunstbau des Lenbachhauses gezeigt werden.
  • In Frankfurt lohnt sich ein Besuch im Städel, hier tobt bis Mitte März der fortwährende <Geschlechterkampf>
  • Ebenso im März beginnt eine Ausstellung über die US-amerikanischen Cellistin, Performance-Künstlerin und Muse von Nam June Paik, Charlotte Moorman, in Salzburg. Ein Foto einer legendären Performance von 1967, bei der Moormann wegen Erregung öffentichen Ärgernisses festgenommen wurde, da sie halbnackt zu Nam June Paiks Opera Sextronique musizierte, hängt noch bis zum 15.Januar im Stadtmuseum München.
  • Ganz besonders freue ich mich auf die Filminstallation <Manifesto> der Künstlerin Julian Rosefeldt in der Villa Stuck in München. Dank der zeitlichen Ausstellungs-Verlängerung konnte ich zwar schon einige der 13 im Hamburger Bahnhof sehen, jedoch war die Zeit zu knapp, um sich ausgibig hineinzu vertiefen. Das wird sich ab Februar sicher mit mehreren Besuchen ändern.
  • Gegen Ende des Jahres kommt noch eine, die ich vielleicht mit ins nächste Jahr nehmen werde: das Museum der bildenden Künste in Leipzig zeigt Mona Hatoum und Ayse Erkmen

Wer lieber ins Kino geht, dem kann ich <Paula> empfehlen, ein einfühlsames Künstlerportrait von Paula Modersohn-Becker, das in einzelnen Kinos noch ausgestrahlt wird. Und noch einer kommt demnächst in die Kinos – Neo Rauch

Und wer immer noch nicht genug hat – der kann den Städel Online Kurs zur Kunstgeschichte durcharbeiten.

So aufgelistet ist ganz schön viel zusammengekommen, vielleicht ist ja das ein oder andere für Euch dabei – auf ein gutes Kunstjahr.

Und welche Kunsthighlights empfehlt ihr?

Kunsttunnel

Das Jahr 2016 neigt sich dem Ende. Es ist die Zeit der Rückblicke, wie in jenen zuvor. Dieses Jahr war ein sehr turbulentes. Aufwühlendes. Schlagworte, die sofort Assoziationen wecken. Und dieses Magazin, hat genau das, so wunderbar auf dem aktuellen Cover platziert. Es hat sich einiges bewegt, auf vielen Ebenen. Der Brexit in UK, der Putsch in der Türkei, die US-Wahlen, das Attentat, der Terror und der Tod sehr vieler Kunstgrößen. So wie David Bowie, der schon zu Lebzeiten große Kunst-Ausstellungshäuser in London, Berlin und andernorts bespielte. Oder Zaha Hadid, eine großartige Frau. Eine Architektin, die ganz oben mitgespielt hat und deren Skisprungschanze ich immer auf dem Weg durch Österreich von weitem bewundere. Auch Reiner Ruthenbeck ist gegangen, kürzlich erst. Seine Objektkunst berührte mich tief, vor gut zwei Jahren. Erneut heuer im Spätsommer und in einem ganz anderem Kontext. Bekannt wurde er in den 60er Jahren als Fotograf, der die Aktionen der Fluxuskünstlern, Beuys und der ZERO-Gruppe ablichtete.

Ja, auf vielen Ebenen hat sich etwas bewegt in diesem Jahr. Und die Kunst bewegt sich mit. Inwiefern, ein paar Ansichten von all dem drumherum, da draußen auf den Kunstbühnen – das gibts in diesem Interview zu hören.

Und jedem Rückblick wohnt ein Ausblick inne. Was bringt das neue Jahr? Eine immerwährende Frage. Wer weiß das schon. Überhaupt sind es Fragen, die oft, so schön stehenbleiben können. Einfach nur dastehen, erinnern oder zum nachdenken anregen, ohne immer eine Antwort geben zu müssen. Ein paar Anregende gibt es hier nachzulesen vom Künstlerduo Fischli & Weiss – gerade zum Jahreswechsel immer wieder sehr aktuell.

In diesem Sinne: wünsche ich euch ein friedliches, spannendes, ereignisreiches und vor allem hoffnungsvolles neues Jahr. Danke für dieses, fürs Lesen, Anregen und Fragenstellen. Kommt gut hinein, ins 2017.

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Sie ist eine der ganz großen Künsterinnen. Marina Abramovic. Passioniert, in dem was sie tut, es provoziert oder geschehen lässt. Prägnant und präsent. Ihre Performances sind tief emotional. Grenzerfahrungen, die unter die Haut gehen. Schmerzvoll. Eine Ihrer bekanntesten Performances, war 2010 in der MoMa in New York. Da saß sie drei Monate lang, an sechs Tage in der Woche, nahezu acht Stunden täglich ununterbrochen auf einem Stuhl. Die Besucher standen Schlange, um für ein paar Minuten oder mehr ihr gegenüber zusitzen und mit ihr in einen geistigen Dialog zu treten. Geredet wurde nichts. Nur eine Berührung, eine spontane gab es. Die war mit ihrem Ex Mann und Künstlerkollegen Ulay. Danach gab es ein witziges Computerspiel und sogar einen Film, der kurzzeitig in den Kinos lief.

„Man braucht den Humor um zu überleben, sonst ist es zu schwer“

sagte sie in diesem Interview und sie „will nun auf die lustige Seite des Lebens in den Vordergrund stellen“ Aha, klingt ganz und gar nicht nach Abramovic. Kürzlich erst, sind ihre Memoiren erschienen, ihre Lebensgeschichte  – die ersten Seiten lesen sich zäh, wie sie es zu sein scheint.

Heute wird sie 70. Jahre alt. Happy Birthday.

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DIE KUNST UND DIE MODE

Sie haben mich schwer beeindruckt, die Bilder der Fotografin Misty Pollen, die bereits Anfang 2015 in diesem Magazin erschienen. Eine prägnante Hommage an die Gouachen Egon Schiele’s, fragil, schräg, voll aufgeladener Energien. Eingehüllt in zarten Stoffen internationaler Modelabels wie RARE CANDY oder COMME des GARCONS. Labels, die es ohnehin schon längst als Ausstellungsmaterial in die Kunsthäuser geschafft haben, so wie im Jahre 2011 in einer betrachtlichen Schau im Haus der Kunst in München oder dieser hier, 2009. Überhaupt ist die Mode in der Kunst nicht mehr wegzudenken. Das V&A in London, das wahrscheinlich Offensivste bei der Auseinandersetzung, aber soweit muss man gar nicht reisen, auch die Kunsthalle München präsentierte sich erst kürzlich, äußerst gelungen mit dem Thema Mode.

ALLES; WORAUF ES BEI EINER GUTEN HOMMAGE ANKOMMT

Die Fotografin Misty Pollen trägt das Thema in Ihren Bildern weiter. Mit einer unglaublichen Sachlichkeit, führt sie präzise den Betrachter mitten hinein, in unsere Zeit. Die bekannten Zeichnungen Schieles, werden nun mittels der Fotografie neu interpretiert. Mit den Kleidern der Modelabels pointiert untermalt und das Model auf den Bildern spielt sein Übriges. Ist es ein Mann oder eine Frau? Gelungen, vollkommen. Wiedererkennbar und es vereint alles, worauf es bei  einer gute Hommage ankommt: <das Original darf nicht bloß nachgeahmt werden, seine Versatzstücken müssen vielmehr zu etwas Eigenem und Neuem zusammengefügt werden> heisst es in einem Begleittext in der Ausstellung <VisualLeader> in den Hamburger Deichtorhallen, da habe ich sie gesehen, die Bilder mit dem Titel Portrait D’Egon Schiele.

DER FILM EGON SCHIELE – TOD UND MÄDCHEN

Apropos Egon Schiele; wer seine Arbeiten bestaunen möchte, sollte das auf jeden Fall in Wien, da findet man im Leopoldmuseum die größte und bedeutenste Sammlung seiner Werke vor. In zwei Jahren rundet sich sein Todestag zum 100sten Mal, Schiele starb damals, wie so viele an der Spanischen Grippe. Und noch etwas zum Thema Schiele: seit einer Woche läuft ein  Film über ihn in den Kinos. Hat ihn von euch einer schon gesehen?

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MONTAGE SIND BESSER ALS IHR RUF

Montage sind besser als ihr Ruf – ich weiß, heute ist Dienstag,fast Mittwoch. Mit innerem Auge blicke ich zurück und denke gerade nach, über die Zeit und wie man sich in ihr bewegt, wen man begegnet in der Zeit und dass Begegnungen immer etwas in einem selbst Auslösen. Etwas in Bewegung setzen. Manches sofort und manches später. Erinnerungen wecken, die im aktuellen Betrachten sich ähnlich anfühlen und doch anders sind, da die Zeit eine andere ist. Erinnerungen waren es auch, die mich gestern, am Montag, gute fünf Jahre zurück katapultierten, obwohl  sie doch scheinbar längst in Vergessenheit geraten sind. Es war eine Ausstellung über Urbanität, vom werden und vergehen von Städten. Unglaublich tiefgründig. Vergänglich, in all ihren prächtigen, maroden Ansichten. Es waren die Fotografen der Agentur Ostkreuz, mit denen ich mich damals das erste mal intensiv auseinandersetzte.

SECHS JAHRE SPÄTER

Nun, fast sechs Jahre später, präsentiert die Kulturstiftung der Versicherungskammer Bayern im Kunstfoyer wieder die Fotografenagentur Ostkreuz und lässt Revue passieren, was in 25 Jahren so alles festgehalten wurde, was sich geändert und sich entwickelt hat.

TEILS IST ES WIE EIN TREFFEN MIT ALTEN BEKANNTEN

Teils ist es wie ein Treffen mit alten Bekannten, ein Wiedersehen, nur in anderem Kontext. Dann gibt es die Neuen, die ich noch nie zuvor gesehen habe. So Heinrich Holtgreve, 1987 Jhg.,  der sich der spannende Frage; was ist <das Internet als Ort> stellt und vor dessen sechzehn Fotografien ich sehr, sehr lange stand. Sie förmlich aufsog, jedes einzelne für sich geradezu verinnerlichte. Vielleicht weil das ganze große Thema der digitalen Welt, noch so im Entstehungsprozess, ein berührendes Faszinosum für mich ist.  Doch was genau ist also dieses Internet und wie kann das Interent in Fotografien dargestellt werden? Zum einen aus der technischen Infrastruktur, die Server, über die Kontinente und Staaten verbindet. Unterirdisch und über den Meeresboden kommen sie in großen Knotenpunkten zusammen, <choke points> werden sie genannt, wenn sie geografisch geballt sind. Und wie sieht eigentlich ein Glasfaserkabel, dessen Volumen unvorstellbare Mengen an Daten übermitteln kann, im Querschnitt aus? Was ist das INNC? Das ECC Datacenter oder der DE-CIX? All diesen Fragen geht Holtgreve fotografisch auf den Grund. Spannend anzusehen, ein Ansatz – alles geballt auf einer Wand.

EIN LEISES, NAHEZU VOYEURISTISCHES PROJEKT

Und dann war da noch Werner Mahlers Langzeitprojekt, das mich festhielt. Einer der ersten der Agentur Ostkreuz. Seit 1977 fotografierte er Absolventen einer Oberschule aus Oranienburg in regelmäßigen Abständen bis heute. All die Fotografien schön kuratiert in einer Art Koordinatensystem, was ohnehin mein BWL-lastiges-Herz höher schlagen ließ. Jahr um Jahr, ab einem gewissen Ausgangspunkts des Jahres 1977. Einige verschwinden. Vielleicht durch Wegzug oder Tod? Andere altern mit all Ihren Hoffnungen, Erfolgen und/ oder Ihrem Scheitern. Es ist ein leises, ja nahezu voyeuristischen Projekt, das zum Nachdenken anregt, was von den eigenen erlebten, nahezu 40 Jahren so alles bleibt und was nicht. Die Vergänglichkeit in all Ihrer durchlebten, festgehaltenen Zeit. Großartig, in der kürze der Zeit und dank Dir Annett, gestern am Montag genutzt, an dem so viele andere Häuser geschlossen haben, Danke für den Anstoß, die gemeinsamen Stunden und den Austausch, den wir hatten.

 

 

 

DER LAUF DER DINGE

Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole:

Wenn Worte fehlen, entnehme ich sie nur allzu gerne der Kunst – in Bildern versteht sich; bewegten, sehr bewegten Bildern.

Ein Auszug aus der <The Way Things Go / Der Lauf der Dinge> von Fischli und Weiss. Wer den ganzen Film sehen möchte, kann ihn vielleicht irgendwo noch als DVD ergattern oder hat Glück in einer Ausstellung.

Weiss jemand von Euch wo derzeit?

 

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Muße, die fehlte in den vergangenen Wochen ein wenig. Muße. Ein Wort. Wohlklingend und doch, aus unserem Wortschatz fast verdrängt. Warum eigentlich? Ist es wirklich der digitale Wandel, der uns unaufhaltsam dialogisch einnimmt und derart beschäftigt, fortwährend mit dem Außen zu agieren? Oder sind es die gesellschaftlichen Erziehungsmuster, die jeder von uns mehr oder weniger mitgenommen hat? Solop formuliert: erst die Arbeit, dann das Vergnügen? Und ist dann die Muße ein Vergnügen oder doch harte Arbeit? Egal ob es Antworten darauf geben kann, sie beschäftigen mich, immer wieder im Kleinen. Die Muße – als eine Schöpferische, Aufbauende. Dazwischen: geschehen lassen. Nicht mehr.

Gerade Kinder können einem das <Geschehen lassen>, so herrlich vor Augen führen. Jetzt meine ich nicht, das bloße Beschäftigtsein, hervorgerufen durch unplanbare Ereignisse, die eine Elternschaft ständig so mit sich bringen mag; nein.  Es ist eine Unvoreingenommene, Neugierige, Offene. So, wie sie Rainer Maria Rilke klangvoll in Worte packte; hier von einem, der ihn ausgesprochen gut vortragen konnte und dessen Stimme ich mir immer wieder gerne anhöre. Ebenfalls gerne angehört, habe ich mir diesen Beitrag des Philosophen Wilhelm Schmid zum Thema – Danke Stephanie, für das späte daraufstoßen.

Eines braucht es jedenfalls um der Muße Raum zu geben; Zeit. Ganz egal, ob viel oder wenig. Apropos Zeit: Isaac Newton soll die Eingabe zur Gravitationstheorie beim betrachten eines Apfels in seinem Garten gekommen sein. Ob schnell oder langsam spielt keine Rolle. Derartige Anekdoten finde ich hoch beeindruckend. Sie geben Mut. Aus scheinbar kleinen Dingen, kann Großes entstehen. Mit diesem Schwung bin ich hineingetaucht. Förmlich abgetaucht in den vergangenen Wochen, habe viel gesehen, erlebt und innegehalten. Die Kunst ist da ein immer nährender Begleiter. Die Zeit ein Ansatz. Eine bewegte Auseinandersetzung damit, hat der Künstler Via Lewandowsky geschaffen. Sein Werk <Wie die Zeit vergeht> dreht fortlaufend im Foyer des MdbK in Leipzig. Ebenfalls zeitintensiv ist dieser 11:22 minutige Loop von Balz Isler, der lief mir in der Hamburger Kunsthalle über den Weg. Es lohnt sich diese Minuten hinzusehen, den Strichen zu folgen und einfach warten was im eigenen Inneren entsteht. Anderen Strichen bin ich auch gefolgt (Foto oben), Philip Loersch, über BleistifteSehr faszinierend.

Ebenfalls faszinierend fand ich dieses Kleinod in Leipzig. Ein einmaliger Laden samt Innenhof mit einer Fülle von Dingen, die Geschichten erzählen, jedes für sich –  lebendig aus und in seiner Zeit. Hier hätte ich noch Stunden verbringen können, so viel gab es zu entdecken. Daneben ein Hotel, in dem ich unbedingt bei meiner nächsten Reise einkehren muss – lebendig, ganz nach meinem Geschmack.

Geschmack lag mir auch bei diesem Beitrag sofort auf der Zunge. Urs Fischer, <Ohne Titel> aus dem Jahr 2000. Apfel, Birne, Nylonschnur, Maße variabel. Eine Art Readymade. Die Plastik hing im Hamburger Bahnhof in Berlin, in der Ausstellung <Das Kapital>.  Ich mag ohnehin Fischers untitled Arbeiten, die einem die Vergänglichkeit vor Augen halten, die Kurzlebigkeit schonungslos in Echtzeit präsentieren. Auf der Biennale 2011 in Venedig beeindruckten mich erstmalig seine weniger spartanischen, lebensgroßen Wachsfiguren. Zwei Jahre später stand ich dann mal vor einer – auch im hier im Hamburger Bahnhof. Die Vergänglichkeit, der ständige Begleiter, stets aktuell und immer noch mein Liebstes. Bei c/o Berlin kehrte sie in Form eines Umzugs ein, das war ebenfalls vor zwei Jahren. Nun stand ich jetzt Mittendrin im neuen alten Amerikahaus, das erste Mal in diesen Räumlichkeiten und lernte die Fotografien von Adam Jeppesen kennen und war sofort beeindruckt. Weit, tief, still.

Vielleicht ist nach all der Reiserer das aktuelle Kunstgeschehen in München ein wenig zu kurz gekommen? Fasziniert war ich von dieser hier, sogar zweimal – einen ersten Einblick gab es mit der Sammlerin in einer Dialogführung persönlich. Durch und durch inszeniert und trefflich kuratiert war die Kunsthalle München mal wieder. Sehr <geschmeidig>. Apropos Invild Goetz: heute abend, 18:30 Uhr gibt es im Haus der Kunst eine ähnliche Möglichkeit ihr und dem Kurator Dr. Wilmes zu lauschen. Vielleicht lausche ich mit.

 

 

 

 

Lara_eckert_unterwegsinsachenkunstManchmal überschlagen sich Ereignisse, mit der Option hinterher zu hetzen oder sie vorbei ziehen zu lassen. Ich habe mich für Letzteres entschieden und ein wenig (zwangs)pausiert, um Energien frei werden zu lassen, den Raum mit Nichts zu füllen. Wie das geht? Weiß ich auch nicht. Vielleicht wie diese Umarmung von Lara Eckert, die mich gleich wohlig fasziniert eingenommen hat. Das Werk gabs heuer in München in der Jahresausstellung in der Akademie der bildenden Künste in der Klasse Kneffel zu sehen.

Überhaupt fand ich die diesjährige Jahresausstellung ein wenig nichts-sagend.

Entweder fehlte mir die Muße, tiefer in die präsentierten Werke einzusteigen oder den Kunstschaffenden. Das ist auch egal, denn das Ende bleibt das gleiche. Was nicht heißen soll, dass <Nichts> hängengeblieben ist; nein. Es gab sie vereinzelt und auch als großes Ganzes, wie die Klasse Doberauer -mal wieder – durch und durch komponiert bis ins Detail, großartig. Ece Gauer, Anne Pfeiffer, Steffen Kern, Namen, denen ich immer wieder gerne begegne, die mir sofort ins Auge springen.  Und doch vermisste ich das Vorgreifende, Visionäre, das Wachrüttelnde.

Stattdessen unruhige Themenfelder, schnelllebig, lieblos zusammengeschustert. Gefällig. Hauptsache irgendwas. „Was dem Ökonomen das Wachstum ist, ist dem Künstler die Kreativität die Neues schafft“  – ein schöner Vergleich, den der Philosoph Ralf Konersmann einmal gestellt hat. Dass das Wachstum seine Grenzen hat, legte 1972 ein vom Club of Rome herausgegebenes Buch dar, der den Fortschrittsglauben der westlichen Wohlstandsgesellschaften grundlegend erschütterte. Die darin dargelegten Sorgen um das Überleben der Menschheit auf dem Planeten Erde sind mittlerweile in der gesellschaftlichen Mitte angekommen. Dreizig Jahre später folgte ein update – Signal zum Kurswechsel. Auch in der Kunst wird die Thematik unlängst verarbeitet. So ordnete Olafur Eliasson Ende 2015 in seinem Projekt Ice Watch während der Zeit der UN-Klimakonferenz (COP 21) auf dem Pariser Place du Panthéon zwölf riesige Blöcke aus Grönlandeis in Form einer Uhr an. Die schmelzenden Eisblöcke – ein mahnendes Zeichen des Klimawandels. Ein ganzes Konvolut zu den Grenzen gabs kürzlich im Neuen Museum in Nürnberg zu sehen.

Und wie verhält es sich mit der Kreativität? Kreativität soll ja eher vom Zufall und der Beharrlichkeit abhängen, sozusagen eine experimentelle Basis, so eine nüchterne Bilanz von Psychologen. Einen interessanten Exkurs zur Theamtik von kreativen Rahmenbedingungen gibt es hier zu sehen. Das unlängst lieb gewonnen Buch dazu – aus meinem Bücherregal immer noch nicht wegzudenken und das mag was heißen, zwischen all den Kunstkatalogen. Vielleicht verhilft auch der Einsatz von Computersimulationen zu neuen Ideen. Übrignes;  einen Ansatz dazu gabs bei der diesjährigen Jahresausstellung der Akademie der bildenden Künste  in Münchenzu sehen. Der Besucher konnte mittels einer digitalen Brille, ein virtuelles Interieur in der leeren historischen Aula bestaunen.

Apropos Wachstum und Kreativität, die ziehen ja auch immer Unruhe mit sich her,  in diesem Interview, gibts einen ausfühlicheren Ansatz, warum Unruhe auch ein Passion sein kann.

Doch was wenn die Unruhe lähmt? Vielleicht die Ruhe vor dem Sturm? Bleibt zu hoffen.

 

 

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ES WAR ETWAS GROSSES. ETWAS GANZ GROSSES

Es war etwas Großes. Etwas ganz Großes. Und wie bei vielen großen Dingen, dauert es oft, bevor sich etwas bewegt.

Wäre es in New York  oder an der Küste Australiens, so wäre es absurd gewesen, doch es war der Iseosee den sich Christo für sein Landart Projekt Floating Piers ausgesucht hat. Der Iseosee in der Lombardei. Von München durchaus gut stemmbar, sodass die Frage ob ich reise, damit bereits positiv beantwortet war. Die Frage des Zeitpunkts zog sich. Denn anfänglich waren die Floating Piers aufgrund der Wetterlage temporär gesperrt, sechs Tage später der 24-Stunden-Modus zwischen 0.00 und 6.00 Uhr aufgehoben, der Andrang ohnehin viel zu hoch und die Übernachungsmöglichkeiten schlichtweg überteuert. Gute Vor-Ort-Reiseberichte kaum auffindbar. Über allem tickte die Uhr, unaufhaltsam, denn lediglich vom 18. Juni bis 3. Juli 2016 waren sie begehbar. Temporär. Vergänglich in all Ihrer beeindruckenden Schönheit.

Die Vergänglichkeit. Eine Thematik, die mich, wer meine Beiträge kennt, immer wieder aufs Neue beschäftigt. Sie ist ein Prozess, schwer greifbar. Vergänglichkeit ist in allem, umschließt und begleitet, fortwährend, unaufhaltsam. Mal länger. Mal kürzer -auf der zeitlichen Achse betrachtend- und  selten bewusst. Christo machte sie bewusst, für einen vorbestimmten Zeitraum, begrenzt. Für Sechzehn Tage.

Vierzehn Tage lang war der Reichstag 1995 in Berlin verhüllt, der mir selbst 21 Jahre später immer noch emotional im Gedächtnis anhaftet.  So tief und so detailliert, dass es gerade zu beängstigend ist. 21 Jahre, das ist eine lange Zeit, da ist viel Raum. Raum, in dem Christo zwei weitere  große Verhüllungsprojekte gemeinsam mit seiner Frau Jeanne-Claude realisieren konnte. Raum in dem er Abschied nehmen musste von ihr, das war 2009. Seither arbeitet er weiter. Weiter auch im Namen von Jeanne-Claude. Christo ist Jahrgang 1935 – die Lebenszeit begrenzt. Wahrscheinlich zählen die Floating Piers, zu den letzt realisierten Land-Art Projekten unter seiner Mitwirkung.

Beeindruckend sind sie, die Floating Piers – allein in den Zahlen und Fakten. Ursprünglich geplant für den Rio de la Plata in Südamerika, später für die Bucht von Tokio – ein Projekt, das zuerst nur auf dem Papier existierte und später auf dem Iseosee verwirklicht wurde. Die Stege verbanden die zwei Inseln Monte Isola und San Paolo mit dem Festland von Sulzano.

DAS PROJEKT IN ZAHLEN

15 Millionen Euro sollen die Floating Piers gekostet haben – eigenfinanziert ausschließlich durch den Verkauf von Christos Zeichnungen, Entwürfen und Fotolizenzen rund um das Projekt.
220.000 aneinandergereihte Polyäthylen-Würfel, zusammengehalten mit
220.000 Verbindungspunkten, verankert mit dem Seeboden,
200 Stück an der Zahl. Je Stück:
5,5 Tonnen schwer, durch:
37.000 Meter Seil mit den schwimmenden Stegen verbunden. Mit:
2,7 Millionen Liter Wasser gefüllt, um die Endwürfel zu beschweren, damit sie quasi schräg ins Wasser gleiten – deutsche Ingenieurskunst. Umhüllt mit:
100.000 qm leuchtend organge-gelben Polyamidstoff, gefertig in Greven, in der Nähe von Münster. Unterfüttert mit:
70.000 qm  Filzgewebe.  Die Breite der Floating Piers betrug stolze:
16 Meter – trotz des Besucheransturms verliefen sich die Menschenmassen gut über eine Gesamtlänge von
3 km, hinzu kamen nochmal gute:
2,5 km Fußweg über dem Fest- sowie dem Inselland. Erwartet hatte man
500.000 Besucher –
1,3 Millionen wurden bis zum Ende gezählt.

DER WEG DAHIN

Auf den Weg, machte ich mich mit dem Auto, ein paar Schokoladenkeksen, reichlich Wasser, einer Hand voll Informationen, zusammengepackt aus den Publikationen der Region und Vor-Ort Berichten von Freunden. Gegen 5.20 Uhr stand ich auf einem der offiziellen Parkplätze in Iseo, der beim Verlassen, bereits überfüllt war. Zwanzig Euro, anstatt der angegebenen fünfzehn auf der Website. Auch die Tankrechnung differierte von den angeprisenen 1,44 Euro je Liter auf abgerechnete 1,78 Euro je Liter. Die Italiener sind bekannt für ihre Abrechnungsmethoden, aber auch bekannt für ihre Kinderfreundlichkeit, was mir -ohne es vorab zu wissen- später sicher eineinhalb Stunden Wartezeit ersparte.  Und so lief ich mit etlichen anderen Menschen, an der überfüllten Shuttlebus Haltestelle vorbei.  Am Iseosee entlang, ca. drei Kilometer Richtung Pilzone, um dann von Ordnungshütern über ein kleines Bergplatteaux für ca. drei weitere Kilometer umgelenkt zu werden. Herrlich schön, inmitten der Morgenstimmung. Fast verschlafen, wären da nicht die anderen Menschen. Pilgerstimmung. Vorfreude auf etwas, das man schon von weitem sah, mehr noch, bereits dazugehörte und doch schwer fassbar schien. Irgendwann sah ich das Ortsschild von Sulzano, der erste vollgestopfte Shuttlebus fuhr behäbig vorbei und immer noch zog sich der Weg. Die Gehwege kaum vorhanden. Zäh und eng. Die Innere Stimmung hielt dagegen. Leicht und weiträumig. Und wie aus dem Nichts lief ich dann plötzlich auf orange-gelb stoffbelegten Straßen. Jetzt war der Zeitpunkt bekommen. Bald.

Direkt auf der gegenüberliegenden Straßenseite kam der Schwarm Kunstbegeisterter aus dem Shuttlebus an einer roten Ampel zum stehen. Geballte Energie prallte regelrecht von der stockenden Menge ab, überhaupt waren hier viele Energien, wenn ich die mal so beim Wort fassen kann, am fließen. Ich <floss> weiter, soweit möglich, denn die Menschenansammlungen wurden dichter, der eigene Raum enger. Mich fischte kurzer Hand eine Carabinieri, dank meiner Picolina, aus der Menge, an den Teilabsperrungen vorbei. Und so durchlief ich drei durchaus konfortable Abkürzungen, stand wenn, nur kurz.  Eine letzte Absperrung. Dann befand ich mich auf den Floating Piers, inmitten einer beindruckenden Berglandschaft auf dem Iseosee zwischen dem Festland Sulzano und den benachbarten Inseln. Ein Ort, den man sonst vielleicht mit einem Boot erfahren kann, sonst jedoch der Isolation unterliegt.

MITTEN DARAUF

Überströmende Emotionen. Erlebte Energien, die zu schwer in Worte zu fassen sind. Zu schwer.  Bilder helfen auch nicht – sie schildern vielleicht das Gesehene. Beindrucken. Hier gibts weitere oder hier oder das noch, aus dem Weltraum festgehalten. Das wirklich Wiederfahrende enthalten sie vor. Selten habe ich ein Kunstwerk so extrem physisch erspürt, wie dieses. All umfassend vielleicht sogar das erste. Das kann ich noch nicht sagen, das muss sich setzen. Peux-a-peux. Da hilft nur Zeit. Viel Zeit.

Leicht wankend je nach Wellengang und Dichte der anderen Besucher. Benommen kommt dem vielleicht Nahe, tastete ich mich langsam vor, auf den Stegen, bewusst, achtsam. Äußerst achtsam, wie in Zeitlupe, um alles aufzusaugen. Lief über all die Stege, ganz brav auch streckenweise Barfuß, ganz wie es der Künstler es emfohlen hatte. Pausierte, staunte und trat in Dialog. In Dialog mit dem Kunstwerk und den anderen Besuchern. Und nach und nach trat etwas seltsames ein: die Normalität. Paradox, so sehr ich auch alles versuchte aufzusaugen. Es gelang mir nicht mehr, ich lief, als wären die Stege immer da, vielleicht rüttelten mich zwei, drei größere Wellen nochmal wach, vielleicht auch nochmal das schrille Pfeiffen der Rettungskräfte, das Besuchern galt, die sich zuweit an den abgesenkten Außenrand wagten. Ich wurde Müde. Müde vom Laufen, Müde von der schwülen Sommerhitze, Müde von der intensieven Farbbestahlung.  Kurz vor Schluss, kam nochmals ein letztes aufbäumen, nur noch wenige Meter, vielleicht doch nochmal zurück oder hinsetzen, wenigstens ein Foto und noch eins. Entschieden. Bewusst dem Ende entgegen.

Es hat sich gelohnt. Das bleibt. Bis zum letzten Augenblick.