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Sie ist eine der ganz großen Künsterinnen. Marina Abramovic. Passioniert, in dem was sie tut, es provoziert oder geschehen lässt. Prägnant und präsent. Ihre Performances sind tief emotional. Grenzerfahrungen, die unter die Haut gehen. Schmerzvoll. Eine Ihrer bekanntesten Performances, war 2010 in der MoMa in New York. Da saß sie drei Monate lang, an sechs Tage in der Woche, nahezu acht Stunden täglich ununterbrochen auf einem Stuhl. Die Besucher standen Schlange, um für ein paar Minuten ihr gegenüber zusitzen und mit ihr in einen geistigen Dialog zu treten. Geredet wurde nichts. Nur eine Berührung, eine spontane gab es. Die war mit ihrem Ex Mann und Künstlerkollegen Ulay. Danach gab es ein witziges Computerspiel und sogar einen Film, der kurzzeitig in den Kinos lief.

„Man braucht den Humor um zu überleben, sonst ist es zu schwer“

sagte sie in diesem Interview und sie „will nun auf die lustige Seite des Lebens in den Vordergrund stellen“ Aha, klingt ganz und gar nicht nach Abramovic. Kürzlich erst, sind ihre Memoiren erschienen, ihre Lebensgeschichte  – die ersten Seiten lesen sich zäh, wie sie es zu sein scheint.

Heute wird sie 70. Jahre alt. Happy Birthday.

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DIE KUNST UND DIE MODE

Sie haben mich schwer beeindruckt, die Bilder der Fotografin Misty Pollen, die bereits Anfang 2015 in diesem Magazin erschienen. Eine prägnante Hommage an die Gouachen Egon Schiele’s, fragil, schräg, voll aufgeladener Energien. Eingehüllt in zarten Stoffen internationaler Modelabels wie RARE CANDY oder COMME des GARCONS. Labels, die es ohnehin schon längst als Ausstellungsmaterial in die Kunsthäuser geschafft haben, so wie im Jahre 2011 in einer betrachtlichen Schau im Haus der Kunst in München oder dieser hier, 2009. Überhaupt ist die Mode in der Kunst nicht mehr wegzudenken. Das V&A in London, das wahrscheinlich Offensivste bei der Auseinandersetzung, aber soweit muss man gar nicht reisen, auch die Kunsthalle München präsentierte sich erst kürzlich, äußerst gelungen mit dem Thema Mode.

ALLES; WORAUF ES BEI EINER GUTEN HOMMAGE ANKOMMT

Die Fotografin Misty Pollen trägt das Thema in Ihren Bildern weiter. Mit einer unglaublichen Sachlichkeit, führt sie präzise den Betrachter mitten hinein, in unsere Zeit. Die bekannten Zeichnungen Schieles, werden nun mittels der Fotografie neu interpretiert. Mit den Kleidern der Modelabels pointiert untermalt und das Model auf den Bildern spielt sein Übriges. Ist es ein Mann oder eine Frau? Gelungen, vollkommen. Wiedererkennbar und es vereint alles, worauf es bei  einer gute Hommage ankommt: <das Original darf nicht bloß nachgeahmt werden, seine Versatzstücken müssen vielmehr zu etwas Eigenem und Neuem zusammengefügt werden> heisst es in einem Begleittext in der Ausstellung <VisualLeader> in den Hamburger Deichtorhallen, da habe ich sie gesehen, die Bilder mit dem Titel Portrait D’Egon Schiele.

DER FILM EGON SCHIELE – TOD UND MÄDCHEN

Apropos Egon Schiele; wer seine Arbeiten bestaunen möchte, sollte das auf jeden Fall in Wien, da findet man im Leopoldmuseum die größte und bedeutenste Sammlung seiner Werke vor. In zwei Jahren rundet sich sein Todestag zum 100sten Mal, Schiele starb damals, wie so viele an der Spanischen Grippe. Und noch etwas zum Thema Schiele: seit einer Woche läuft ein  Film über ihn in den Kinos. Hat ihn von euch einer schon gesehen?

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MONTAGE SIND BESSER ALS IHR RUF

Montage sind besser als ihr Ruf – ich weiß, heute ist Dienstag,fast Mittwoch. Mit innerem Auge blicke ich zurück und denke gerade nach, über die Zeit und wie man sich in ihr bewegt, wen man begegnet in der Zeit und dass Begegnungen immer etwas in einem selbst Auslösen. Etwas in Bewegung setzen. Manches sofort und manches später. Erinnerungen wecken, die im aktuellen Betrachten sich ähnlich anfühlen und doch anders sind, da die Zeit eine andere ist. Erinnerungen waren es auch, die mich gestern, am Montag, gute fünf Jahre zurück katapultierten, obwohl  sie doch scheinbar längst in Vergessenheit geraten sind. Es war eine Ausstellung über Urbanität, vom werden und vergehen von Städten. Unglaublich tiefgründig. Vergänglich, in all ihren prächtigen, maroden Ansichten. Es waren die Fotografen der Agentur Ostkreuz, mit denen ich mich damals das erste mal intensiv auseinandersetzte.

SECHS JAHRE SPÄTER

Nun, fast sechs Jahre später, präsentiert die Kulturstiftung der Versicherungskammer Bayern im Kunstfoyer wieder die Fotografenagentur Ostkreuz und lässt Revue passieren, was in 25 Jahren so alles festgehalten wurde, was sich geändert und sich entwickelt hat.

TEILS IST ES WIE EIN TREFFEN MIT ALTEN BEKANNTEN

Teils ist es wie ein Treffen mit alten Bekannten, ein Wiedersehen, nur in anderem Kontext. Dann gibt es die Neuen, die ich noch nie zuvor gesehen habe. So Heinrich Holtgreve, 1987 Jhg.,  der sich der spannende Frage; was ist <das Internet als Ort> stellt und vor dessen sechzehn Fotografien ich sehr, sehr lange stand. Sie förmlich aufsog, jedes einzelne für sich geradezu verinnerlichte. Vielleicht weil das ganze große Thema der digitalen Welt, noch so im Entstehungsprozess, ein berührendes Faszinosum für mich ist.  Doch was genau ist also dieses Internet und wie kann das Interent in Fotografien dargestellt werden? Zum einen aus der technischen Infrastruktur, die Server, über die Kontinente und Staaten verbindet. Unterirdisch und über den Meeresboden kommen sie in großen Knotenpunkten zusammen, <choke points> werden sie genannt, wenn sie geografisch geballt sind. Und wie sieht eigentlich ein Glasfaserkabel, dessen Volumen unvorstellbare Mengen an Daten übermitteln kann, im Querschnitt aus? Was ist das INNC? Das ECC Datacenter oder der DE-CIX? All diesen Fragen geht Holtgreve fotografisch auf den Grund. Spannend anzusehen, ein Ansatz – alles geballt auf einer Wand.

EIN LEISES, NAHEZU VOYEURISTISCHES PROJEKT

Und dann war da noch Werner Mahlers Langzeitprojekt, das mich festhielt. Einer der ersten der Agentur Ostkreuz. Seit 1977 fotografierte er Absolventen einer Oberschule aus Oranienburg in regelmäßigen Abständen bis heute. All die Fotografien schön kuratiert in einer Art Koordinatensystem, was ohnehin mein BWL-lastiges-Herz höher schlagen ließ. Jahr um Jahr, ab einem gewissen Ausgangspunkts des Jahres 1977. Einige verschwinden. Vielleicht durch Wegzug oder Tod? Andere altern mit all Ihren Hoffnungen, Erfolgen und/ oder Ihrem Scheitern. Es ist ein leises, ja nahezu voyeuristischen Projekt, das zum Nachdenken anregt, was von den eigenen erlebten, nahezu 40 Jahren so alles bleibt und was nicht. Die Vergänglichkeit in all Ihrer durchlebten, festgehaltenen Zeit. Großartig, in der kürze der Zeit und dank Dir Annett, gestern am Montag genutzt, an dem so viele andere Häuser geschlossen haben, Danke für den Anstoß, die gemeinsamen Stunden und den Austausch, den wir hatten.

 

 

 

DER LAUF DER DINGE

Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole:

Wenn Worte fehlen, entnehme ich sie nur allzu gerne der Kunst – in Bildern versteht sich; bewegten, sehr bewegten Bildern.

Ein Auszug aus der <The Way Things Go / Der Lauf der Dinge> von Fischli und Weiss. Wer den ganzen Film sehen möchte, kann ihn vielleicht irgendwo noch als DVD ergattern oder hat Glück in einer Ausstellung.

Weiss jemand von Euch wo derzeit?

 

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Muße, die fehlte in den vergangenen Wochen ein wenig. Muße. Ein Wort. Wohlklingend und doch, aus unserem Wortschatz fast verdrängt. Warum eigentlich? Ist es wirklich der digitale Wandel, der uns unaufhaltsam dialogisch einnimmt und derart beschäftigt, fortwährend mit dem Außen zu agieren? Oder sind es die gesellschaftlichen Erziehungsmuster, die jeder von uns mehr oder weniger mitgenommen hat? Solop formuliert: erst die Arbeit, dann das Vergnügen? Und ist dann die Muße ein Vergnügen oder doch harte Arbeit? Egal ob es Antworten darauf geben kann, sie beschäftigen mich, immer wieder im Kleinen. Die Muße – als eine Schöpferische, Aufbauende. Dazwischen: geschehen lassen. Nicht mehr.

Gerade Kinder können einem das <Geschehen lassen>, so herrlich vor Augen führen. Jetzt meine ich nicht, das bloße Beschäftigtsein, hervorgerufen durch unplanbare Ereignisse, die eine Elternschaft ständig so mit sich bringen mag; nein.  Es ist eine Unvoreingenommene, Neugierige, Offene. So, wie sie Rainer Maria Rilke klangvoll in Worte packte; hier von einem, der ihn ausgesprochen gut vortragen konnte und dessen Stimme ich mir immer wieder gerne anhöre. Ebenfalls gerne angehört, habe ich mir diesen Beitrag des Philosophen Wilhelm Schmid zum Thema – Danke Stephanie, für das späte daraufstoßen.

Eines braucht es jedenfalls um der Muße Raum zu geben; Zeit. Ganz egal, ob viel oder wenig. Apropos Zeit: Isaac Newton soll die Eingabe zur Gravitationstheorie beim betrachten eines Apfels in seinem Garten gekommen sein. Ob schnell oder langsam spielt keine Rolle. Derartige Anekdoten finde ich hoch beeindruckend. Sie geben Mut. Aus scheinbar kleinen Dingen, kann Großes entstehen. Mit diesem Schwung bin ich hineingetaucht. Förmlich abgetaucht in den vergangenen Wochen, habe viel gesehen, erlebt und innegehalten. Die Kunst ist da ein immer nährender Begleiter. Die Zeit ein Ansatz. Eine bewegte Auseinandersetzung damit, hat der Künstler Via Lewandowsky geschaffen. Sein Werk <Wie die Zeit vergeht> dreht fortlaufend im Foyer des MdbK in Leipzig. Ebenfalls zeitintensiv ist dieser 11:22 minutige Loop von Balz Isler, der lief mir in der Hamburger Kunsthalle über den Weg. Es lohnt sich diese Minuten hinzusehen, den Strichen zu folgen und einfach warten was im eigenen Inneren entsteht. Anderen Strichen bin ich auch gefolgt (Foto oben), Philip Loersch, über BleistifteSehr faszinierend.

Ebenfalls faszinierend fand ich dieses Kleinod in Leipzig. Ein einmaliger Laden samt Innenhof mit einer Fülle von Dingen, die Geschichten erzählen, jedes für sich –  lebendig aus und in seiner Zeit. Hier hätte ich noch Stunden verbringen können, so viel gab es zu entdecken. Daneben ein Hotel, in dem ich unbedingt bei meiner nächsten Reise einkehren muss – lebendig, ganz nach meinem Geschmack.

Geschmack lag mir auch bei diesem Beitrag sofort auf der Zunge. Urs Fischer, <Ohne Titel> aus dem Jahr 2000. Apfel, Birne, Nylonschnur, Maße variabel. Eine Art Readymade. Die Plastik hing im Hamburger Bahnhof in Berlin, in der Ausstellung <Das Kapital>.  Ich mag ohnehin Fischers untitled Arbeiten, die einem die Vergänglichkeit vor Augen halten, die Kurzlebigkeit schonungslos in Echtzeit präsentieren. Auf der Biennale 2011 in Venedig beeindruckten mich erstmalig seine weniger spartanischen, lebensgroßen Wachsfiguren. Zwei Jahre später stand ich dann mal vor einer – auch im hier im Hamburger Bahnhof. Die Vergänglichkeit, der ständige Begleiter, stets aktuell und immer noch mein Liebstes. Bei c/o Berlin kehrte sie in Form eines Umzugs ein, das war ebenfalls vor zwei Jahren. Nun stand ich jetzt Mittendrin im neuen alten Amerikahaus, das erste Mal in diesen Räumlichkeiten und lernte die Fotografien von Adam Jeppesen kennen und war sofort beeindruckt. Weit, tief, still.

Vielleicht ist nach all der Reiserer das aktuelle Kunstgeschehen in München ein wenig zu kurz gekommen? Fasziniert war ich von dieser hier, sogar zweimal – einen ersten Einblick gab es mit der Sammlerin in einer Dialogführung persönlich. Durch und durch inszeniert und trefflich kuratiert war die Kunsthalle München mal wieder. Sehr <geschmeidig>. Apropos Invild Goetz: heute abend, 18:30 Uhr gibt es im Haus der Kunst eine ähnliche Möglichkeit ihr und dem Kurator Dr. Wilmes zu lauschen. Vielleicht lausche ich mit.

 

 

 

 

Lara_eckert_unterwegsinsachenkunstManchmal überschlagen sich Ereignisse, mit der Option hinterher zu hetzen oder sie vorbei ziehen zu lassen. Ich habe mich für Letzteres entschieden und ein wenig (zwangs)pausiert, um Energien frei werden zu lassen, den Raum mit Nichts zu füllen. Wie das geht? Weiß ich auch nicht. Vielleicht wie diese Umarmung von Lara Eckert, die mich gleich wohlig fasziniert eingenommen hat. Das Werk gabs heuer in München in der Jahresausstellung in der Akademie der bildenden Künste in der Klasse Kneffel zu sehen.

Überhaupt fand ich die diesjährige Jahresausstellung ein wenig nichts-sagend.

Entweder fehlte mir die Muße, tiefer in die präsentierten Werke einzusteigen oder den Kunstschaffenden. Das ist auch egal, denn das Ende bleibt das gleiche. Was nicht heißen soll, dass <Nichts> hängengeblieben ist; nein. Es gab sie vereinzelt und auch als großes Ganzes, wie die Klasse Doberauer -mal wieder – durch und durch komponiert bis ins Detail, großartig. Ece Gauer, Anne Pfeiffer, Steffen Kern, Namen, denen ich immer wieder gerne begegne, die mir sofort ins Auge springen.  Und doch vermisste ich das Vorgreifende, Visionäre, das Wachrüttelnde.

Stattdessen unruhige Themenfelder, schnelllebig, lieblos zusammengeschustert. Gefällig. Hauptsache irgendwas. „Was dem Ökonomen das Wachstum ist, ist dem Künstler die Kreativität die Neues schafft“  – ein schöner Vergleich, den der Philosoph Ralf Konersmann einmal gestellt hat. Dass das Wachstum seine Grenzen hat, legte 1972 ein vom Club of Rome herausgegebenes Buch dar, der den Fortschrittsglauben der westlichen Wohlstandsgesellschaften grundlegend erschütterte. Die darin dargelegten Sorgen um das Überleben der Menschheit auf dem Planeten Erde sind mittlerweile in der gesellschaftlichen Mitte angekommen. Dreizig Jahre später folgte ein update – Signal zum Kurswechsel. Auch in der Kunst wird die Thematik unlängst verarbeitet. So ordnete Olafur Eliasson Ende 2015 in seinem Projekt Ice Watch während der Zeit der UN-Klimakonferenz (COP 21) auf dem Pariser Place du Panthéon zwölf riesige Blöcke aus Grönlandeis in Form einer Uhr an. Die schmelzenden Eisblöcke – ein mahnendes Zeichen des Klimawandels. Ein ganzes Konvolut zu den Grenzen gabs kürzlich im Neuen Museum in Nürnberg zu sehen.

Und wie verhält es sich mit der Kreativität? Kreativität soll ja eher vom Zufall und der Beharrlichkeit abhängen, sozusagen eine experimentelle Basis, so eine nüchterne Bilanz von Psychologen. Einen interessanten Exkurs zur Theamtik von kreativen Rahmenbedingungen gibt es hier zu sehen. Das unlängst lieb gewonnen Buch dazu – aus meinem Bücherregal immer noch nicht wegzudenken und das mag was heißen, zwischen all den Kunstkatalogen. Vielleicht verhilft auch der Einsatz von Computersimulationen zu neuen Ideen. Übrignes;  einen Ansatz dazu gabs bei der diesjährigen Jahresausstellung der Akademie der bildenden Künste  in Münchenzu sehen. Der Besucher konnte mittels einer digitalen Brille, ein virtuelles Interieur in der leeren historischen Aula bestaunen.

Apropos Wachstum und Kreativität, die ziehen ja auch immer Unruhe mit sich her,  in diesem Interview, gibts einen ausfühlicheren Ansatz, warum Unruhe auch ein Passion sein kann.

Doch was wenn die Unruhe lähmt? Vielleicht die Ruhe vor dem Sturm? Bleibt zu hoffen.

 

 

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ES WAR ETWAS GROSSES. ETWAS GANZ GROSSES

Es war etwas Großes. Etwas ganz Großes. Und wie bei vielen großen Dingen, dauert es oft, bevor sich etwas bewegt.

Wäre es in New York  oder an der Küste Australiens, so wäre es absurd gewesen, doch es war der Iseosee den sich Christo für sein Landart Projekt Floating Piers ausgesucht hat. Der Iseosee in der Lombardei. Von München durchaus gut stemmbar, sodass die Frage ob ich reise, damit bereits positiv beantwortet war. Die Frage des Zeitpunkts zog sich. Denn anfänglich waren die Floating Piers aufgrund der Wetterlage temporär gesperrt, sechs Tage später der 24-Stunden-Modus zwischen 0.00 und 6.00 Uhr aufgehoben, der Andrang ohnehin viel zu hoch und die Übernachungsmöglichkeiten schlichtweg überteuert. Gute Vor-Ort-Reiseberichte kaum auffindbar. Über allem tickte die Uhr, unaufhaltsam, denn lediglich vom 18. Juni bis 3. Juli 2016 waren sie begehbar. Temporär. Vergänglich in all Ihrer beeindruckenden Schönheit.

Die Vergänglichkeit. Eine Thematik, die mich, wer meine Beiträge kennt, immer wieder aufs Neue beschäftigt. Sie ist ein Prozess, schwer greifbar. Vergänglichkeit ist in allem, umschließt und begleitet, fortwährend, unaufhaltsam. Mal länger. Mal kürzer -auf der zeitlichen Achse betrachtend- und  selten bewusst. Christo machte sie bewusst, für einen vorbestimmten Zeitraum, begrenzt. Für Sechzehn Tage.

Vierzehn Tage lang war der Reichstag 1995 in Berlin verhüllt, der mir selbst 21 Jahre später immer noch emotional im Gedächtnis anhaftet.  So tief und so detailliert, dass es gerade zu beängstigend ist. 21 Jahre, das ist eine lange Zeit, da ist viel Raum. Raum, in dem Christo zwei weitere  große Verhüllungsprojekte gemeinsam mit seiner Frau Jeanne-Claude realisieren konnte. Raum in dem er Abschied nehmen musste von ihr, das war 2009. Seither arbeitet er weiter. Weiter auch im Namen von Jeanne-Claude. Christo ist Jahrgang 1935 – die Lebenszeit begrenzt. Wahrscheinlich zählen die Floating Piers, zu den letzt realisierten Land-Art Projekten unter seiner Mitwirkung.

Beeindruckend sind sie, die Floating Piers – allein in den Zahlen und Fakten. Ursprünglich geplant für den Rio de la Plata in Südamerika, später für die Bucht von Tokio – ein Projekt, das zuerst nur auf dem Papier existierte und später auf dem Iseosee verwirklicht wurde. Die Stege verbanden die zwei Inseln Monte Isola und San Paolo mit dem Festland von Sulzano.

DAS PROJEKT IN ZAHLEN

15 Millionen Euro sollen die Floating Piers gekostet haben – eigenfinanziert ausschließlich durch den Verkauf von Christos Zeichnungen, Entwürfen und Fotolizenzen rund um das Projekt.
220.000 aneinandergereihte Polyäthylen-Würfel, zusammengehalten mit
220.000 Verbindungspunkten, verankert mit dem Seeboden,
200 Stück an der Zahl. Je Stück:
5,5 Tonnen schwer, durch:
37.000 Meter Seil mit den schwimmenden Stegen verbunden. Mit:
2,7 Millionen Liter Wasser gefüllt, um die Endwürfel zu beschweren, damit sie quasi schräg ins Wasser gleiten – deutsche Ingenieurskunst. Umhüllt mit:
100.000 qm leuchtend organge-gelben Polyamidstoff, gefertig in Greven, in der Nähe von Münster. Unterfüttert mit:
70.000 qm  Filzgewebe.  Die Breite der Floating Piers betrug stolze:
16 Meter – trotz des Besucheransturms verliefen sich die Menschenmassen gut über eine Gesamtlänge von
3 km, hinzu kamen nochmal gute:
2,5 km Fußweg über dem Fest- sowie dem Inselland. Erwartet hatte man
500.000 Besucher –
1,3 Millionen wurden bis zum Ende gezählt.

DER WEG DAHIN

Auf den Weg, machte ich mich mit dem Auto, ein paar Schokoladenkeksen, reichlich Wasser, einer Hand voll Informationen, zusammengepackt aus den Publikationen der Region und Vor-Ort Berichten von Freunden. Gegen 5.20 Uhr stand ich auf einem der offiziellen Parkplätze in Iseo, der beim Verlassen, bereits überfüllt war. Zwanzig Euro, anstatt der angegebenen fünfzehn auf der Website. Auch die Tankrechnung differierte von den angeprisenen 1,44 Euro je Liter auf abgerechnete 1,78 Euro je Liter. Die Italiener sind bekannt für ihre Abrechnungsmethoden, aber auch bekannt für ihre Kinderfreundlichkeit, was mir -ohne es vorab zu wissen- später sicher eineinhalb Stunden Wartezeit ersparte.  Und so lief ich mit etlichen anderen Menschen, an der überfüllten Shuttlebus Haltestelle vorbei.  Am Iseosee entlang, ca. drei Kilometer Richtung Pilzone, um dann von Ordnungshütern über ein kleines Bergplatteaux für ca. drei weitere Kilometer umgelenkt zu werden. Herrlich schön, inmitten der Morgenstimmung. Fast verschlafen, wären da nicht die anderen Menschen. Pilgerstimmung. Vorfreude auf etwas, das man schon von weitem sah, mehr noch, bereits dazugehörte und doch schwer fassbar schien. Irgendwann sah ich das Ortsschild von Sulzano, der erste vollgestopfte Shuttlebus fuhr behäbig vorbei und immer noch zog sich der Weg. Die Gehwege kaum vorhanden. Zäh und eng. Die Innere Stimmung hielt dagegen. Leicht und weiträumig. Und wie aus dem Nichts lief ich dann plötzlich auf orange-gelb stoffbelegten Straßen. Jetzt war der Zeitpunkt bekommen. Bald.

Direkt auf der gegenüberliegenden Straßenseite kam der Schwarm Kunstbegeisterter aus dem Shuttlebus an einer roten Ampel zum stehen. Geballte Energie prallte regelrecht von der stockenden Menge ab, überhaupt waren hier viele Energien, wenn ich die mal so beim Wort fassen kann, am fließen. Ich <floss> weiter, soweit möglich, denn die Menschenansammlungen wurden dichter, der eigene Raum enger. Mich fischte kurzer Hand eine Carabinieri, dank meiner Picolina, aus der Menge, an den Teilabsperrungen vorbei. Und so durchlief ich drei durchaus konfortable Abkürzungen, stand wenn, nur kurz.  Eine letzte Absperrung. Dann befand ich mich auf den Floating Piers, inmitten einer beindruckenden Berglandschaft auf dem Iseosee zwischen dem Festland Sulzano und den benachbarten Inseln. Ein Ort, den man sonst vielleicht mit einem Boot erfahren kann, sonst jedoch der Isolation unterliegt.

MITTEN DARAUF

Überströmende Emotionen. Erlebte Energien, die zu schwer in Worte zu fassen sind. Zu schwer.  Bilder helfen auch nicht – sie schildern vielleicht das Gesehene. Beindrucken. Hier gibts weitere oder hier oder das noch, aus dem Weltraum festgehalten. Das wirklich Wiederfahrende enthalten sie vor. Selten habe ich ein Kunstwerk so extrem physisch erspürt, wie dieses. All umfassend vielleicht sogar das erste. Das kann ich noch nicht sagen, das muss sich setzen. Peux-a-peux. Da hilft nur Zeit. Viel Zeit.

Leicht wankend je nach Wellengang und Dichte der anderen Besucher. Benommen kommt dem vielleicht Nahe, tastete ich mich langsam vor, auf den Stegen, bewusst, achtsam. Äußerst achtsam, wie in Zeitlupe, um alles aufzusaugen. Lief über all die Stege, ganz brav auch streckenweise Barfuß, ganz wie es der Künstler es emfohlen hatte. Pausierte, staunte und trat in Dialog. In Dialog mit dem Kunstwerk und den anderen Besuchern. Und nach und nach trat etwas seltsames ein: die Normalität. Paradox, so sehr ich auch alles versuchte aufzusaugen. Es gelang mir nicht mehr, ich lief, als wären die Stege immer da, vielleicht rüttelten mich zwei, drei größere Wellen nochmal wach, vielleicht auch nochmal das schrille Pfeiffen der Rettungskräfte, das Besuchern galt, die sich zuweit an den abgesenkten Außenrand wagten. Ich wurde Müde. Müde vom Laufen, Müde von der schwülen Sommerhitze, Müde von der intensieven Farbbestahlung.  Kurz vor Schluss, kam nochmals ein letztes aufbäumen, nur noch wenige Meter, vielleicht doch nochmal zurück oder hinsetzen, wenigstens ein Foto und noch eins. Entschieden. Bewusst dem Ende entgegen.

Es hat sich gelohnt. Das bleibt. Bis zum letzten Augenblick.

 

 

 

lueckenfuelle__unterwegsinsachenkunstlueckenfuelle_unterwegsinsachenkunstDie Gentrifizierung ist so ein großes Wort und in München hat es schon ein sehr hässliches Gesicht; das ist nicht neu. Lange schon gibt es Artikel darüber, wie Straßenzüge peux-à-peux ein völlig anderes Gesicht bekommen, ganze Stadtviertel sich ändern – fortschreitend, unaufhaltsam. Und das meist nur, aufgrund eines investorengesteuerten Sanierungs-, Abriss- und Aufbaudrangs.

Gewiss, vereinzelt gibt es Beispiele, wie es anders gehen kann. Gute Beispiele. So im Jahre 2013, als diverse Künstler, Sportler und Schauspieler mit ihrer  <Gorilla-Aktion>, den Abriss des Hauses in der Müllerstraße 6 in München so verhindern konnten. Fakt ist aber, dass der Verlust des Altbaubestands durch Abriss in Deutschland heute höher ist,  als durch die Flächenbombardements im zweiten Weltkrieg.

Apropos Abriss. In meiner Nachbarschaft, der Maxvorstadt,  gibt es derzeit eine Vielzahl von Beispielen. Ein Großes, ist der Abriss des ehemalige Arri-Geländes. Lange Zeit standen die Häuser an der Hauptstraße einfach leer.

Wohnraum in München ist ein knappes Gut. Jede noch so kleine Möglichkeit aus dem Wenigen mehr zu machen, Städtebaulich scheinbar um jeden Preis willkommen. Innerstädtische Verdichtung ist nur eines jener nachhallenden Schlagworte.

Ein weiteres großes Beispiel ist der geplante Abriss des Gesundheitsamtes mit einhergehender Neubebauung des Areals Dachauerstraße 90 der grob feststeht, jedoch erst demnächst final entschieden wird.

Wenige Meter weiter gibt es ein Kleines. In der Schleißheimer Straße, Ecke Rottmannstraße stand lange Zeit ein schönes altes gelbes Eckhaus leer. Es wurde sogar temporär von Künstlern geisterhaft bespielt – eine Hommage an Ilse Aichingers Fenstertheater sollte es sein.

Dann kam der Abriss. Seither prangt ein Werbeplakat des geplanten Neubaus, aber es tat sich nichts in Sachen Bau.

Dafür tut die Zeit ihr Übriges.

Und so wuchs langsam das Gras zwischen den Steinen, der Bauzaun lag brach und nun gibt es etwas Neues: LÜCKENFÜLLE steht in großen Lettern an den Wänden der benachbarten Häuser. Schön gülden. Herrlich anzusehen.  Vier angehende Architekten realisieren hier in den nächsten Wochen ein temporäres Projekt, mit dem Ziel einen Raum der Kommunikation zu schaffen. Schön, sehr schön. Mehr davon. Ich bin gespannt.

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Vor gut einer Woche endete sie, die ARTMUC, eine Plattform für junge Kunst, auf der Praterinsel in München. Großartig allein schon die Räumlichkeiten und wie dafür erschaffen, kreative Präsentationen zu umrahmen. Immer wieder bin ich gerne an diesem Ort, ich mag den morbiden Charme, die alten Mauern, das Gelebte in Ihnen. Und wenn ich mir eine Wohnung aussuchen könnte, fern ab jeglicher Münchner Immobilienpreis-Indizes, dann ähnelte sie wohl den Räumlichkeiten hier, toppen könnte das dann nur noch die denkmalgeschützte Jugendstilvilla der Alexander Tutsek-Stiftung, die kürzlich mit schönen Kooperationsneuigkeiten in den Medien vertreten war.

Und wenn ich gerade inmitten all der <wenn’s> bin, dann umgeben von zeitgenössischer Kunst. Kunst zum nachdenken, zum vertiefen, zum lernen, sich reiben und zum spiegeln. Und Letzteres geschieht immer, sobald man sich wirklich hineinbegibt. Der britische Philosoph, Alain de Botton hat das vor gut zwei Jahren im Amsterdamer Rijksmuseum auf 150 Post-it-Zetteln neben den Kunstwerken versucht zu verdeutlichen. Und da die Thematik der Selbstspiegelung unerschöpflich ist, gibt es auf diesem wertgeschätzten Blog gleich eine ganze Palette davon.

Apropos spiegeln; gleich zu Beginn der ARTMUC, in Haus 3,  gab’s eine interaktive Videoinstallation „GIVE AND GET“ von Michael Acapulco. Hier bekam der Besucher die Möglichkeit, das loszuwerden, was ihm auf der Zunge lag, um im Gegenzug das zu bekommen, was man sonst möglicherweise nicht erhalten hätte.

Ein paar Stufen höher erfreute mich ein neues Werk dieser Künstlerin, die ich nach betreten des Raumes sofort akustisch wiedererkannte, noch vor der visuellen Wahrnehmung.  VIS-Á-VIS ein unaufgeregter, doch alles beinhaltender Titel. Gelungen, sehr gelungen liebe Anne Pfeifer.

Dahinter gleich an der Wand eine einprägsame, wie eindeutige Hommage an Mondrian, des Künstlers  BongChull Shin. Erkannt, getroffen. Wunderbar. Feine Glaskuben der Primärfarben Rot, Gelb und Blau, geomethrisch angeordnet  sowie die Nicht-Farben Schwarz und Weiß als Glasböden unter ihnen. Je nach Lichteinfall und Blickwinkel verstärkt sich das Zusammenspiel aller Protagonisten. Immer wieder aufs Neue beeindruckend.

Eine weitere Hommage, die für mich den mit Abstand größten Gleichklang hier auf der ARTmuc traf, war die Hommage an On Kawara „I am here“ von Beate Susanne Wehr. Die Künstlerin ließ die geografischen Koordinaten der Praterinsel in München LÄNGE 48°08´N BREITE 11°35´N auf einen Stempel aufbringen und drückte allen Bereitwilligen, diesen Stempel auf eine frei gewählte Stelle der Haut.

Somit hatte der Besucher die Möglichkeit hier Teil einer Gruppe zu sein,  ein offizielles Indiz sozusagen, je nach Platzierung des Stempelabdruckes sichtbar für alle oder auch nicht. Herrlich patriotisch. Gestempelt, abgestempelt, amtlich. Physisch codiert auch ohne Smartphone. Alles temporär, denn der Aufdruck verschwindet wieder. Die im ersten Augenblick simple Aktion hält einem die ständige Veränderung vor Augen bis hin zur eigenen Vergänglichkeit. Was bleibt? Was sind wir in der Zeit? Wo sind wir in der Zeit?

Eine Erinnerung an diesen einen Augenblick, an diesem einen spezifischen Ort gibt es noch von der Künstlerin obendrauf – in Form eines Polaroids, die mittlerweile Impossible heißen. <Live for the moment>. Eingeklebt und nummeriert in einem kleinen anthrazietfarbenen quadatisches Kästchen, mit der Aufschrift der Koordinaten. Eine Erinnerung. Konserviert. Zum herauskramen oder zur Schau stellen. Herrlich unaufgeregt. Komplex. Rundum gelungen.

Ebenso gelungen sind die Werke des Künstlers Jiro Shimizu. Seine Fotografien scheinen wie aus einer Parallelwelt. Zebras, Giraffen, Eulen, Dampfmaschinen, Flugobjekte, Protagonisten aus einer anderen Zeit – Schräge Kulissen, inszeniert, surreal, überzeichnet und lebendig. Doch wer hier an zusammengestellte Fotowelten via Photoshop denkt, ist reichlich fehl am Platze. Bei Jiro Shimizu wird real inszeniert. Auf seiner Website lässt er sich über die Schulter blicken. Seine Fotografien ähneln ganzen Filmkulissen. Ausgestopfte Tiere, echte Requisiten und Modelle. Aufwendig, sehr aufwendig kuratiert. Entfernt erinnern sie an die arrangierten Fotografien eines David LaChapelle. Jedes für sich eine eigene Geschichte. So, als gäbe es eine <Pause-Taste>, die auf ein <weiter> wartet. Alles in Allem in sich abgeschlossen, rund. Perfekt. Chapeaux vor so viel Herzblut!

Aus filmreifen Fotografien bewege ich mich am Ende noch mal zum Digitalen. Überhaupt hätte ich deutlich mehr künstlerische Arbeiten mit digitalen Medien und digitaler Technik erwartet. Schade, denn das angekündigte neue Format ARTMUC Digital fiel mager aus. Sehr mager. Zu mager für meine Begriffe. Im Gedächtnis blieben mir drei, der Katalog zählte gerade ein paar mehr. Zum einen eine unterhaltsame Betty Mü, die, wie jedes Jahr, einen ganzen Raum mühelos und durchaus beeindruckend bespielte. Michael Acapulco als Entré und Johannes Karl, der mich mit seiner Neuinterpretation <Der Wanderer> vor zwei Jahren bereits bleibend beeindruckte.

In diesem Jahr zeigte Karl die Videoarbeit <Ghostrider in the sky>. Angelehnt an den Titel des Cowboysongs in dem Geisterreiter, die am Himmel auftauchen und dem Liedsänger sehr nahelegen, sein Leben doch ändern zu mögen – da er sonst ewig dazu verdammt sei, sich den Geisterreitern anzuschließen um die Herde des Teufels über dem endlosen Himmel zu jagen.

In der Videoarbeit <Ghostrider in the sky> (zu sehen unter Work auf seiner Website) kämpfen vier Reiter mit ihren Pferden in einem unendlichen Wettrennen, begegnen auf Ihrem Ritt kunsthistorischen Figuren. Im Himmel tauchen permanent Geisterreiter auf. Mal liegt der eine vorne – mal der andere. Gewinnen kann keiner. Unterlegt mit einem monotonen, nichtendenwollenden galoppierendem Ton. Fortwährende, unendliche Fragen, die bleiben: was ist Fortschritt und was ist Wettkampf? Wo stehen wir?

Belohnt hat die ARTMUC 2016. Belohnt mit neuen Denkanstößen, die mich überrascht und wieder gelehrt haben, warum es so wichtig ist, einen zweiten und dritten Blick zu wagen. Erkannt, dass der sogenannte Mere-Exposure Effect immer wieder funktioniert und über allem die große Chance,  Künstler persönlich anzutreffen. Zu verzeichnen jedenfalls ist eine starke Bewegung in der zeitgenössischer Kunst. Die Grenzen verwischen; fortwährend.

lostplaces_unterwegsinsachenkunstDie Münchner Galerien sind es, die es mir in letzer Zeit angetan haben. Und diese hier mag ich besonders gerne, nicht nur weil sie in meiner unmittelbaren Nachbarschaft ist, nein, das sind viele in der Maxvorstadt in München. Ich mag den Ort der Präsentationen – ganz klassisch, unprätentiös und schlicht. Es ist das gewisse Maß an Zurückhaltung, das es benötigt, um den fotografischen Werken der Gegenwart den nötigen Raum zu geben. Der gewisse Zauber und Tiefgang in der Auswahl des Repertoires. Manche treffen mich tief, sehr tief, wie dieses hier und manche weniger. Ganz normal und subjektiv. Über allem jedenfalls die unermüdliche Hingabe und Arbeit der Protagonisten, die es verstehen Herz und Verstand zu berühren – das schätze ich sehr.

Und genau diese Galerie päsentiert derzeit eine großartige Ausstellung: <Lost Places>. Es ist wieder eine der Werksschauen, die nachhallen, zum nachdenken anregen, bewegen. Peter Unter­mai­er­ho­fer heißt der Künstler, den ich bisher nur durch diese Publikation in meinem Bücherregal und diese Fotostrecke verlassener Kirchen kenne.

<Lost Places>; der Titel verrät, was den Besucher erwartet – verlassene, ausgestorbene Plätze.

Peter Untermaierhofer (Jhg. 1983) dokumentiert solche verlassene Orte. Es sind alte Kirchen, Theater, Ballsäle, Turnhallen, Operationssäle – einst urbaner Treffpunkt – nun menschenleer. Der Verfall wohnt hier inne. Eine beinahe gespenstige Stille umgibt diese Orte. Festgehalten für den Moment. Oder vielleicht der Blick auf ein Postapokalyptisches Szenario der künstliche Intelligenz, vor dem uns Forscher warnen?

Wer meine Beiträge kennt, weiss, es ist genau mein altbewährtes Thema der Vergänglichkeit, das Morbide, das nicht greifen könnende, das mich festhält, aber auch ein Aktuelles: der Wandel, fortwährend, unaufhaltsam. Die innwändige Schönheit, der Augenblick, das Festhalten und Loslassen zugleich.

Beeindruckend – Bild für Bild. Neuzehn Fotoarbeiten von Peter Untermaierhofer werden präsentiert, die in den letz­ten Jah­ren in Deutsch­land, Öster­reich, Bel­gien, Frank­reich und Ita­lien ent­stan­den sind.

Begeistert bin ich, ach was; entflammt. Chapeau Dr. Seufert, ich werde Sie bald wieder besuchen, in aller Ruhe, fern ab des Vernissagentrubels.

 

 

 

 

<Lost Places> ist noch bis 14. Juni 2016 in der Gale­rie für Foto­gra­fie der Gegen­wart, Schleiß­hei­mer Straße 44
in München zu sehen